Aktuelle Nummer 21 | 22 | 2018
30. September 2018 bis 27. Oktober 2018

Schwerpunkt

WAHRE WEIHNACHTSFREUNDE

«Kindskopf», dachte er.
Dann warf er einen vorsichtigen Blick nach hinten. Er sass ganz allein in der ersten Bankreihe, der Kirchenraum war schwach erleuchtet. Rötlich flackerte vorne das Ewige Licht. Gedämpfte Geräusche drangen von draussen in das ihm vertraute Gotteshaus. 

Da standen sie, ganz in seiner Nähe, die stillen Botschafter seiner frühsten Weihnachtstage. Stoisch hatten sie die vergangenen Jahrzehnte über sich ergehen lassen. Da und dort hatten sie leicht Schaden genommen, hier ein Kratzer, da etwas abgebröckelte Farbe, doch sie bildeten durchaus noch immer eine eindrückliche Delegation. Sein Blick streifte den erwartungsvoll wirkenden Aufmarsch zu seiner Linken. Ein schwaches «lange nicht gesehen», kroch ihm zaghaft über die Lippen, doch noch in derselben Sekunde erschrak er über seine eigenen Worte. War es tatsächlich möglich – hatte er soeben wirklich eine Ansammlung von Holzfiguren, die in Griffweite neben ihm aufgestellt waren, angesprochen? Sein eigenes Verhalten irritierte ihn. Er schaute noch einmal nach hinten, doch da war nichts auszumachen. 

Da schob sich ein Lächeln in sein Gesicht. Wie konnte man als erwachsener Mensch nur so ängstlich sein? In seiner Kindheit war es eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass er die sorgfältig gestalteten Krippen­figuren, sobald sie in der Adventszeit ihren angestammten Platz eingenommen hatten, in Gespräche verwickelte, die von beträchtlicher Dauer sein konnten. Natürlich ein kindlicher, wenn nicht gar ein kindischer Monolog, bei dem alle versammelten Gesprächspartner früher oder später irgendwie zum Zug kamen, obwohl effektiv nur einer sprach – er. 

Wie oft hatte er sich in seiner Kindheit in den kalten Adventstagen in die feierlich geschmückte Kirche verkrochen. Nicht selten war er mehr als einmal am Tag von zu Hause weggeschlichen, um mit den unerschütterlichen Weihnachtsboten die Ankunft des Christkinds und auch andere wichtige Dinge zu besprechen. Nur einmal war er dabei gestört worden, als plötzlich sein Vater den Raum durch die Seitentüre betrat und in einer einem Kirchenraum nicht angebrachten Lautstärke verlauten liess, dass man ihn seit einer geschlagenen halben Stunde beim Nachtessen erwarten würde. Ansonsten konnte er seine ausufernden Gespräche mit den etwas sonderbar gekleideten Gästen ohne Störung abhalten. Er kannte jeden Einzelnen und hätte es sofort bemerkt, wenn sich ein Neuling eingeschlichen oder ein Altvertrauter gefehlt hätte.

Favoriten hatte er eigentlich keine. Am eindrücklichsten waren jedoch die Engel mit ihren glänzenden, weissen Umhängen und den lockigen Haaren. Es war schwierig, sie direkt anzusprechen, da sie entweder in den Himmel oder auf den Boden starrten. Sie stammten nicht von dieser Welt, das war unschwer zu erkennen. Am edelsten wirkten die Könige in ihren prächtigen Gewändern, den unterschiedlichen Kronen und den wertvollen Geschenken in ihren Händen. «Gold, Weihrauch und Myrrhe», dachte er; unter den ersten beiden Dingen konnte er sich ansatzweise etwas vorstellen, doch «Myrrhe» klang nicht nur sonderbar, es war auch etwas, das sein kindliches Vorstellungsvermögen überforderte; ansonsten hatten die drei Herren aus dem Morgenland viel zu erzählen über den unendlichen Sternenhimmel und fremde, exotische Länder.

Seiner Fantasie waren keine Grenzen gesetzt, denn es gab auch Krippenfiguren, die ihn an Dorfbewohner erinnerten, denen er regelmässig in seinem Alltag begegnete. So sah einer der Hirten aus wie der bleichgesichtige Bäckermeister Zaugg. Ein anderer glich dem glatzköpfigen Briefträger Lehmann, dem man, hier in der Kirche, zur angemessenen Huldigung des Gottessohnes, eine schlecht sitzende Perücke aufgesetzt hatte. Und auch der von ihm und seinen Kollegen gefürchtete Lehrer Steiner hatte unerwartet als hingebungsvoller Flötenspieler einen Platz in der biblischen Empfangsdelegation gefunden. 

Am liebsten tauschte er sich jedoch mit Maria aus, die zum Schutz gegen die Kälte einen dicken blauen Mantel trug. Sie glich ein wenig, wenn sie im Halbdunkel kniete, seiner Mutter. Mit Josef verband ihn hingegen nicht viel, da sich dieser zwar mit seiner Laterne ganz nahe an der Krippe befand, aber abwesend und bedrückt wirkte. Und dann war da natürlich noch der Mittelpunkt des Geschehens, ein wohlgenährtes Christkind, das alle viere von sich streckte.

«Ja, lange ists her»,
dachte er. Er konnte sich nicht genau erklären, was ihn heute Abend hierher, in die Weihnachtskirche seiner Kindheit gezogen hatte. Ein Besuch bei seiner betagten Mutter, im örtlichen Altersheim, das gehörte zum Festtags-Standardprogramm, aber hier in der Kirche war er schon seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Er nahm noch einmal die gesamte Korona seiner Weihnachtsfreunde ins Visier und schmetterte leicht melancholisch, aber mit klarer Stimme ein: «Auf Wiedersehen, ihr lieben Freunde!» in den kühlen Kirchenraum hinaus.

«Auf Wiedersehen!»,
hallte es laut und deutlich zurück. Wie vom Schlag gerührt, schreckte er hoch. Was war denn das? Das war bestimmt keine Täuschung gewesen, denn er hatte die Erwiderung auf seine Abschiedsworte deutlich vernommen. «Auf Wiedersehen – besten Dank für den Besuch», erklang es erneut und noch etwas intensiver. Da erst bemerkte er, dass wenige Schritte hinter ihm ein älterer Herr mit einem Besen in der Hand Aufstellung genommen hatte. Er lächelte ihn an und ergänzte wohlwollend: «Sie können ruhig morgen noch einmal vorbeischauen, ab acht Uhr ist unsere Kirche wieder geöffnet.»