Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

BEISTAND IN SCHWEREN ZEITEN

von Reto Stampfli

Ruedi Messer aus Bellach war über 40 Jahren lang als Bestatter tätig. In dieser Zeit hat sich das Bestattungswesen enorm verändert. Ein Einblick in einen aussergewöhnlichen Beruf. 


Ruedi Messer, mehr als vier Jahrzehnte lang waren Sie als Bestatter tätig. Wie sind Sie eigentlich zu dieser nicht ganz alltäglichen Tätigkeit gekommen?
Mein Vater, Otto Messer, betrieb eine Schreinerei in Bellach. Dort wurden auch regelmässig Särge hergestellt. Schon als Schuljunge unterstützte ich meinen Vater bei seiner Arbeit. Damals wurden die Särge mit dem Veloanhänger transportiert, da mein Vater kein Auto besass. Von der Aufbahrung zu Hause bis zur Kirche kam dann der Pferdewagen zum Einsatz. So wurde ich schon früh mit dem Bestattungswesen vertraut, obwohlich selbst eine andere Berufslehre absolvierthabe. Meine Erfahrungen im Betrieb meines Vaters bewogen mich dann, ab 1972, unterstützt durch meine Frau, als selbstständiger Bestatter zu arbeiten. Heute, nach meiner Pensionierung, wird das Geschäft in dritter Generation von meinen Söhnen und vier Mitarbeitenden weitergeführt. 

Seit 1972 hat sich das Bestattungswesen stark verändert. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Zusammenhang gemacht? 
Die erste Aufbahrungshalle in Bellach wurde 1969 eröffnet, vorher wurden die Verstorbenen zu Hause aufgebahrt. Abschied und Tod waren Teile des Familienlebens. Auch die Trauer hatte einen ausgeprägt kollektiven Charakter, denn Freunde und die Nachbarschaft spielten bei einem Todesfall eine wichtige Rolle. Heute wird diese Aufgabe dem Bestatter anvertraut; wir bieten heute, wenn es gewünscht wird, eine vollumfängliche Begleitung an. 

Die gesteigerte Mobilität der Menschen hat dazu geführt, dass viele Familien weit verstreut leben. So ist es heute kaum mehr möglich, beim Verlust eines Angehörigen gemeinsam zu agieren. Weiter wurden auch die gesetzlichen Vorschriften verschärft, denn auch im Tod ist alles genau geregelt. Im kulturellen und religiösen Bereich hat sich die Ausgangslage massiv verändert: Wir führen heute auch Bestattungen für jüdische, muslimische und hinduistische Verstorbene durch; das wäre vor 40 Jahren noch undenkbar gewesen. Da stehen wir immer wieder vor neuen Herausforderungen. Über die Jahre hat sich darum bei uns der Grundsatz eingebürgert: Traditionen bewahren, Neues zulassen, sofern es respektvoll ist und Sinn macht.  

Wie hat sich die Rolle der Kirchen verändert?
Früher war der Pfarrer oder die Pfarrerin die wichtigste Ansprechperson. Man kannte sich in den Gemeinden und es gab weit weniger Berührungsängste. Die Betreuung und Begleitung der Hinterbliebenen wurde zu einem grossen Teil von den Pfarreien organisiert. Auch bei der Bestattung selbst lag die Liturgie ganz in den Händen der Geistlichen. Heute sieht es oft anders aus, denn ein immer grösser werdender Teil der Verstorbenen ist konfessionslos oder kirchlich distanziert. Dadurch haben wir Dienstleistungen übernommen, die früher rein kirchlich organisiert waren. Für uns als Bestattungsunternehmen ist es jedoch wichtig, eng mit den Religionsvertretern zusammenzuarbeiten. Wir sehen uns auf keinen Fall als eine Konkurrenz der Kirchen. Generell hat sich jedoch der Inhalt der Trauerfeiern merklich verändert, es ist ganz klar ein Trend zur Individualisierung festzustellen. Der Verstorbene und sein Wirken stehen im Zentrum, die theologischen und liturgischen Elemente treten augenfällig zurück. In der heutigen Zeit werden bis zu 90 Prozent der Verstorbenen kremiert. Auch dieser Umstand hat den Charakter der Feiern wesentlich beeinflusst. Über 20 Prozent der Verstorbenen finden heute in unserer Region ihre letzte Ruhe nicht mehr auf einem Friedhof.      

Was wird von einem Bestatter heute erwartet?
Ein zentraler Faktor ist die Verlässlichkeit. Die Angehörigen befinden sich bei einem Todesfall in der Familie oft in einer Ausnahmesituation und fühlen sich überfordert. Hier muss der Bestatter unterstützend und vertrauenswürdig vorgehen. Die Erfahrung spielt eine wichtige Rolle. Grundlegend sind auch das Einfühlungsvermögen und die Diskretion. Oft bekommen wir unvermittelt Einblick in schwierige familiäre Situationen. Hier braucht es Fingerspitzengefühl und nicht selten auch gewisse diplomatische Fähigkeiten. Wir versuchen, Lösungen vorzuschlagen und Orientierung zu bieten. Hier kommen auch finanzielle Fragen ins Spiel. Ab und zu erlauben wir uns auch, von gewissen Dingen abzuraten, wenn uns eine Entscheidung überstürzt erscheint. Generell versuchen wir aber, die Wünsche unserer Kunden zu erfüllen und dabei stets im Hintergrund zu bleiben.   

Als Bestatter wird man jede Woche mit Leid und Trauer konfrontiert. Darf man sich da den Gefühlen hingeben oder braucht man eine dicke Haut?
In den vergangenen 44 Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass es vor allem der Kontakt mit den Angehörigen ist, der einem sehr nahe gehen kann. Dabei sind es oft ganz unterschiedliche Situationen: Der Tod kann einerseits als eine Erlösung betrachtet werden, aber er kann auch völlig unerwartet eintreten. Bei aller Routine ist jeder Todesfall doch immer wieder eine ganz neue Situation. Die Situation der Hinterbliebenen kann einem längere Zeit belasten; tragisch ist es, wenn Kinder und Jugendliche verstorben sind.

Anders sieht es beim Kontakt mit dem verstorbenen Menschen aus: Die «Arbeit» mit den Verstorbenen war für mich nie ein Problem, hier kenne ich keine grosse emotionale Belastung. Das ist für Aussenstehende vielleicht nicht immer nachvollziehbar, da das Sterben und der Tod als Themen in unserer Gesellschaft oft bewusst verdrängt werden. Hier steht eine respektvolle Umsetzung im Vordergrund, bei der fachliche Kompetenz gefragt ist. 

Zwei Mal pro Woche führen wir bei «Messer Begleitung & Bestattung» ein Gespräch in der Gruppe. Während dieses wichtigen Austausches können belastende Erfahrungen besprochen werden. Eine externe Betreuung haben wir nicht. Es braucht also keine besonders dicke Haut, sonst würden wir unsere Arbeit rein mechanisch verrichten; aber wir dürfen auch nicht in ein emotionales Wellenbad geraten. Aus gesundheitlichen Gründen und für den «Teamgeist» zu stärken, besuchen wir einmal wöchentlich ein Fitnessstudio. 

Wird der Bestatter immer mehr zum «Allrounder»?
Das kann man hier in Europa so sagen. Wir bieten zum Beispiel mit dem «Trauercafé» schon länger eine Trauerbegleitung an. Das wäre früher kaum möglich gewesen, da der Bestatter lediglich vor und während der Beisetzung aktiv war. Mit dem im Sommer 2015 neu eröffneten Bestattungshaus an der Ecke Bielstrasse/Langendorfstrasse in Solothurn ist unser Angebot noch einmal erweitert worden. Der integrierte Abdankungssaal ist mit Beamer und Musikanlage ausgestattet und ermöglicht eine auf die Wünsche der Trauerfamilie zugeschnittene Zeremonie. Es gibt auch zwei Aufbahrungsräume, die einen Besuch der Verstorbenen rund um die Uhr zulassen. Alles Errungenschaften, die den Wandel im Bestattungswesen augenfällig aufzeigen. 

Was jedoch in all den Jahren gleich geblieben ist und für mich immer den grössten Reiz meines Berufes ausgemacht hat, ist der nahe Kontakt zu den trauernden Menschen, denen man in einer schwierigen Lebenssi­tuation kompetent und diskret beistehen kann.