Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

LEBENDIG IM STERBEN

«Im Sterben verdichtet sich das Leben in einer sonst kaum gekannten Intensität. Es gibt wenige Situationen im Leben, in denen wir so lebendig sind wie im Sterben. Natürlich geht es dabei nicht um den äusseren Aspekt unserer Aktivität, sondern um Lebendigkeit im Sinne totaler Bewusstheit, das heisst totaler geistiger Präsenz im Hier und Jetzt – um Meditation im tiefsten Sinne des Wortes.» Mit diesem ungewohnten Vergleich resümierte die bekannte, 1926 in Zürich geborene Ärztin und Sterbeforscherin Eliabeth Kübler-Ross den für uns Menschen kaum fassbaren Vorgang des Sterbens. Das Sterben, als finalen und im Grunde genommen rein zerstörerischen Akt, mit Lebendigkeit in Verbindung zu bringen – das kann irritieren. Doch Elisabeth Kübler-Ross, die das Engagement für Sterbende als ihre Berufung empfand, schöpfte bei dieser aussergewöhnlichen Einschätzung aus einem umfangreichen persönlichen und wissenschaft­lichen Erfahrungsschatz. Angeregt durch die Arbeit mit Schwerstkranken begann sie als eine der Ersten mit der systematischen Erforschung des Sterbevorgangs und gründete in den USA Hospize für Todkranke.

Die Autorin zahlreicher in der Sterbeforschung und -begleitung einflussreicher Bücher, deren Thesen bis heute kontrovers diskutiert werden, spricht im erwähnten Zitat von «totaler Bewusstheit» und «totaler geistiger Präsenz im Hier und Jetzt», einem einzigartigen Zustand, der mit «Meditation im tiefsten Sinne des Wortes» zu vergleichen sei. Das Sterben ist also in dieser Sichtweise nicht ein panisches Sich-am-Leben-halten, ein letzter Kampf, sondern eine ungeheure Verdichtung der mensch­lichen Lebenskraft am Ende eines individuellen Weges. Ein Prozess, den wir alle fürchten, der aber in seiner natürlichen Wucht eines der grossen Phänomene unserer Existenz darstellt; eine unumstössliche Gewissheit, die uns bis ins Mark erschüttern, jedoch auch eine Quelle der Lebensenergie sein kann. 

Als Lebewesen sind wir eingebunden in Rhythmen und Zyklen von Werden und Vergehen, Abschied und Neubeginn und allumfassend von Geburt und Tod. Oft ­begegnen wir dieser anspruchsvollen Voraussetzung mit Unsicherheit und Angst und möchten diese belastenden Themen am liebsten meiden. Gleichzeitig gibt es eine tiefe Sehnsucht und auch Notwendigkeit, sie als Teil des Lebens anzuerkennen – denn nur so können wir Menschen wirklich lebendig bleiben. 

 

Mit freundlichen Grüssen, Reto Stampfli