Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Blicke des Vertrauens

Nicht nur Liebe geschieht manchmal auf den ersten Blick. In allen Begegnungen urteilen wir auf den ersten Blick: sympathisch oder nicht, vertrauenswürdig oder befremdend, attraktiv oder beängstigend. In Bruchteilen von Sekunden ordnen wir Menschen und Situationen in unsere Deutungsmuster und Stereotypen ein, sagt die Sozialpsychologie. Hier moralisch zu fordern, man dürfe keine Vorurteile haben, ist sinnlos. Der erste Blick hat gewirkt, bevor wir überlegen und moralisch abwägen können. Es ist ein intuitiver Impuls, der uns zum Glück locken oder vor Gefahren schützen will. 

Der Scalabrini-Missionar Aldo Skoda veranschaulicht diese «Einschätzung auf den ersten Blick» in der Zeitschrift «Auf dem Weg des Exodus» mit einem Film-Experiment aus Schweden. Ein kleines Mädchen ging zuerst allein in normaler Kleidung unter die Leute. Diese kümmerten sich sofort um das Mädchen und fragten, ob alles in Ordnung sei. Als dasselbe Mädchen mit ärmlichen Kleidern durch die Leute schlenderte, wurde es ruppig weggeschickt. 

Der erste Blick bleibt trügerisch. Denn wir sehen nur das Äussere, die Verhaltensweisen, und schliessen daraus auf die Absichten und Einstellungen. Die Werthaltungen, das Innere des anderen können wir nicht direkt sehen. Es braucht also einen zweiten Blick, einen der nicht mehr vom Instinkt geleitet ist. Der zweite Blick kann den ersten bestätigen oder korrigieren. Dazu müssen wir zurückfragen und klären, uns aufeinander einlassen, uns kennenlernen. Es geht darum, das Bild, das wir uns gemacht haben, kritisch mit der Realität zu vergleichen. Papst Franziskus nennt das den «Blick des Vertrauens». 

In diesem «Kirchenblatt» schauen wir auf die weihnächtlichen Sterndeuter zurück. Ihr erster Blick geht nach oben. Sie schauen in die Sterne und folgen den Verheissungen und Hoffnungen des Himmels. Doch nach Begegnungen und Klärungen wendet sich ihr Blick nach unten, zu den Armen und Kleinen, zum Kind in der Krippe. Sie erfahren, dass diese Hoffnung des Himmels in der Krippe Mensch geworden ist, und Gott uns in jedem Menschen begegnen will. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie «Blicke des Vertrauens» auf verschiedene Weise entdecken und ausprobieren können.

Kuno Schmid