Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Jugend

«Zweifel ist der kleine Bruder des Glaubens»

von Céline Hoog

Roger Brunner ist neu als Vikar im Pastoralteam St. Ursen und St. Marien tätig. Als Seelsorger möchte er den Menschen, insbesondere auch Jugendlichen, in einer Welt der Schnelllebigkeit Orientierung und Halt bieten. Im Interview erklärt der 37-Jährige, weshalb Seelsorger nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung ist.

Roger, du bist neu als Vikar in der Kirchgemeinde Solothurn. Was ist deine Tätigkeit?
Das lateinische Wort Vicarius bedeutet «Stellvertreter». Als Vikar unterstütze ich den Pfarrer, den «Chef» der Pfarrgemeinde. Ich feiere die Gottesdienste und bin als Seelsorger für Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen da.

Wie kamst du zur Theologie?
Ich bin in Mümliswil aufgewachsen, wo ich bereits früh Ministrant war und später Oberministrant. Zudem leitete ich auch Lager, das Zwischenmenschliche gefiel mir schon immer. Ich stamme aus einer handwerklichen und musikalischen Familie. Dadurch wurde meine Liebe zum Orgelspiel geprägt und ich absolvierte eine Lehre als Orgelbauer. Erst später, mit 24, machte ich ein Propädeutikum, in dem ich mich ausgiebig mit dem Wunsch, Priester zu werden, beschäftigte. Danach absolvierte ich das Theologiestudium in Chur und Paris. Im Jahre 2015 wurde ich zum Priester geweiht.

Hast du auf deinem Weg auch manchmal gezweifelt?
Auf jeden Fall. Ich denke, Zweifeln ist natürlich und gehört dazu. Man sagt ja auch, Zweifel sei der kleine Bruder des Glaubens. 

Den Weg eines Priesters zu gehen bedeutet auch, auf eine eigene Familie zu verzichten. War das für dich ein Opfer?
Man kann das Wort Opfer auch im Sinne von Hingabe verstehen. Das Leben eines Priesters erfordert sehr viel Hingabe. Insofern könnte man tatsächlich von einem Opfer sprechen. Aber der Entscheid, Priester zu werden, war für mich vor allem ein religiöser Entscheid. Wenn Gott diesen Weg für mich wählte, wollte ich ihn ganz gehen. Priester zu sein ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Es ist mein Beruf und mein Hobby gleichzeitig. Es erfordert und verdient meine komplette Hingabe.

Solothurn ist deine Heimatregion. Hast du beabsichtigt, zurückzukommen?
Nein, das war ein glücklicher Zufall. Als Priester wird man eher in eine Gegend geschickt, als dass man sie selbst wählt. Ich persönlich finde das sehr gut. Ich denke, von aussen betrachtet lässt es sich besser feststellen, wo man am meisten gebraucht wird. 

Wo siehst du die Rolle der Theologie heute?
In der heutigen Welt, der Welt der Schnelllebigkeit, bleibt vieles auf der Strecke. Wir orientieren uns hauptsächlich an der Wirtschaft, andere Werte kommen zu kurz. Ich denke, die Rolle der Kirche besteht darin, in diesen Situationen den Menschen Halt und Orientierung zu geben. Deshalb ist mir der Dialog mit den Leuten wichtig. 

 

Wir danken Roger Brunner für das Interview und wünschen ihm auf seinem Weg alles Gute.