Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Glücklich sein

«Können Blumen glücklich sein?» über diese Frage streiten Fred und Alice in der kleinen Geschichte für philosophierende Kinder. Unter den Studierenden entstand jeweils eine leidenschaftliche Debatte, wenn ich ihnen diese Frage vorgelegt hatte. Meinungen, Überzeugungen, Argumente und Begründungen wurden pro und contra vorgetragen. Die Diskussion landete immer bei der Frage, was denn Glück bedeute, was man sich unter Glück vorstellen soll. Ist Glück der schicksalshafte Zufall, wenn man «Glück gehabt» hat? Ist Glück der stimmige Zustand des Wohlgefühls, ist es der Ruhm des Erfolgs? Ist es Glück, wenn man sich alles leisten kann, wenn alle Wünsche in Erfüllung gehen? Irgendwie ist «Glück» schwierig zu fassen. 

Jedenfalls ist Glück etwas Positives im Unterschied zu Unglück oder Pech. Deshalb wünschen wir uns ja auch «viel Glück» und meinen damit «alles Gute». «Schalom» verwenden Jüdinnen und Juden, um sich zu grüssen und Gutes zu wünschen. Der biblische Begriff Schalom (arabisch Salām) bedeutet Frieden, Gesundheit, Wohlergehen in einem umfassenden Sinn: als lebendige Beziehung zu sich selbst, als gelingende Beziehung zu den Nächsten, als solidarische Beziehungen in der ganzen Gemeinschaft, insbesondere mit den Armen und Schwachen, als respektvolle Beziehung zur Natur, und in all diesen Beziehungen als eine intakte Beziehung zu Gott. Solcher Schalom, solche gelingenden Beziehungen können zu Glücksmomenten werden, sei es im Zusammensein, in der Natur, im gemeinsamen Engagement oder in der eigenen inneren Stille. Die Fastenzeit mit ihrem Ruf zu Umkehr und Besinnung kann als Aufforderung verstanden werden, diese Schalom-Beziehungen neu zu beachten und zu pflegen. Daraus lässt sich die Kraft und Motivation für ein Handeln zugunsten einer gerechteren, ökologischeren und vielleicht glücklicheren Welt schöpfen. Das meint im Tiefsten der Wandel, zu dem wir in der diesjährigen Fastenzeit aufgerufen werden. 

Ich wünsche Ihnen Schalom und eine glückliche Fastenzeit.

Kuno Schmid