Aktuelle Nummer 26 | 2018
09. Dezember 2018 bis 22. Dezember 2018

Schwerpunkt

MUSIK FÜHRT IN DIE TIEFE

von Monika Poltera-von Arb

Ein Lied sagt mehr als tausend Worte – wie man sich singend an theologische Inhalte heranwagen kann. Es gibt Momente im Leben, da reichen Worte nicht aus, da kann nur Musik ausdrücken, was wir fühlen. Momente, in denen ein Lied mehr zu sagen weiss als tausend Worte. Jauchzend und jubilierend oder traurig und klagend. Auch in Glaubenssachen reichen Worte allein oft nicht aus. Es braucht Zeichen, Rituale, Gesten und auch da: Musik.

Musik im Gottesdienst
Musik spielt im Gottesdienst eine wichtige Rolle. Nicht einfach als schmückendes Beiwerk, das den Gottesdienst aufpeppen soll. Sondern als Versuch, die Lebenswelt der Menschen in Musik und Text vor Gott zu bringen. Lob und Klage, Vertrauen und Dank werden so in unterschiedlicher Weise musikalisch ausgedrückt. Einerseits von professionellen Musikerinnen und Musikern, aber vor allem auch durch jeden mitfeiernden Menschen. Gottesdienstmusik ist deshalb vielgestaltig und wandelt sich immer wieder. Für mich ein sehr wichtiges Element in der Gestaltung von gottesdienstlichen Feiern.

Geistliche Musik im Konzert
In meiner Freizeit singe ich im Kammerchor Buchsgau mit. Ein weltlicher Verein, der in seinen Konzerten oft geistliche Werke zur Aufführung bringt. Werke, die in unserer Zeit nicht mehr oder nur bedingt für Gottesdienste geeignet sind oder trotz theologischen Inhalts für den Konzertsaal geschrieben wurden. Werke mit ungeheurer Ausstrahlungskraft und von beeindruckender Intensität. In den Proben werden nicht nur sängerische und musikalische Hürden gemeistert, durch die Interpretation und das Einüben der Stücke nähern wir uns auch den theologischen Inhalten und historischen Zusammenhängen. Nach und nach fügen sich die Puzzleteile zusammen, bis schliesslich am Tag des Konzertes daraus ein Ganzes wird, ein Erlebnis nicht nur für die Zuhörenden, sondern auch für die Mitwirkenden.

Aussergewöhnliche Kombination
In den Konzerten im März trifft die Bachkantate «Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir» (Psalm 130) auf die hochemotionale Psalmvertonung von Mendelssohn «Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir» (Psalm 42). Und beiden Kompositionen wird je ein Stück aus dem berühmten Opus 144 von Max Reger gegenübergestellt. Es handelt sich hierbei um die letzten grossen Chorwerke des Spätromantikers, die er seinem Verleger mit den Worten anbot: «Ich glaube sagen zu dürfen, dass diese beiden Chorwerke mit das Schönste sind, was ich je geschrieben habe.» 

Seelenverwandt und doch ein Spagat
Dieses Programm bringt Werke zueinander, die sich unter normalen Umständen nur schwer kombinieren lassen. Die drei Komponisten des Programms stehen zwar auf einer schnurgeraden Linie, was Herkunft und Stil anbelangt: «Der Name Johann Sebastian Bach wurde von Felix Mendelssohn Bartholdy wieder gross gemacht, und Mendelssohns Werk ist eine einzige grosse Hommage an den verehrten barocken Tonkünstler. Ebenso hat Max Reger in seiner choralorientierten Kompositionsweise direkt an Bach angeknüpft und Harmonie und Polyphonie des Thomaskantors schrittweise erweitert und bis an die Grenzen der Tonalität geführt», gibt Tobias von Arb Auskunft. «Der Grund der eher schwierigen programmatischen Vereinigung dieser seelenverwandten Künstler liegt in den äusserst unterschiedlichen Besetzungen ihrer Werke. Bach schrieb Musik für den lutherischen Gottesdienst mit begrenzten Personalressourcen. Die Werke von Mendelssohn und Reger sind für den Konzertsaal konzipiert, mit grossem Symphonieorchester und grossem Laienchor.»

Verdichtetes Leben
Bach und Mendelssohn vertonen in ihrem Werk Verse aus dem Buch der Psalmen. Bach schrieb seine Kantate «Aus den Tiefen rufe ich, Herr, zu dir» (Ps 130) vermutlich für einen Bussgottesdienst im Gedenken an das verheerende Feuer, das 1707 die Stadt Mülhausen heimgesucht hatte.
Mendelssohn bringt in seiner Psalmkantate «Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser» (Ps 42) eine ganze Palette an Gefühlen unmittelbar zum Ausdruck: das poetische Bild des Hirsches, der nach dem Wasser – der Seele, die nach Gott verlangt; Sehnsucht und Zweifel; Gottesverlassenheit und unerschütterliches Gottvertrauen. Zentral ist der Gedanke der Zuversicht: «Harre auf Gott». 
Die Psalmen, sie sind verdichtetes Leben. Wir alle können uns mit unseren Erfahrungen in ihnen wiederfinden. Im klagenden Nein zu Leid und Gewalt, in der Sehnsucht nach Rettung und Geborgenheit mitten in Anfeindung, Zweifel und Einsamkeit, in jubelndem Dank oder unerschütterlicher Zuversicht und Gottvertrauen. 

Sich heranwagen
Mehr Geduld brauchte es, bis wir Chorsängerinnen und -sänger einen Zugang zu Regers Werken fanden. Musikalisch, aber auch vom Text her sind die beiden Stücke schwerer zu verstehen. Mit viel Fingerspitzengefühl und Beharrlichkeit führte uns der Dirigent an die Sache heran. Reger bewegt sich mit seiner Musik in einer «Zwischenwelt». Er bricht die Tonalität auf, Formen sind nur noch andeutungsweise erkennbar, er macht Rückgriffe auf Vergangenes und führt sie an einen ganz neuen Ort. Er vertont zwei weltliche Gedichte («Der Einsiedler» von Joseph von Eichendorff und das «Requiem» von Friedrich Hebbel), die gewissermassen religiöse Gedanken und Motive in die Welt hereinbrechen lassen.

Den Inhalt musikalisch erschliessen
Hebbels Gedicht «Requiem» (vgl. S. 6) spielt auf den Beginn der lateinischen Totenmesse an. Er schreibt über die Ruhe für die Toten – allerdings anders als gewohnt. Mit «Seele vergiss sie nicht» redet der Sprecher die eigene Seele an, und fordert sie auf, die Toten nicht zu vergessen. Diese Zeile wird in der Mitte und am Ende des Gedichts wiederholt. So eingerahmt beschreibt der erste Abschnitt die toten Seelen (umschwebend, schauernd verlassen), die genährt von Liebe zum letzten Mal ihr Leben geniessen. Der zweite Abschnitt schildert, was geschieht, wenn sie vergessen werden: sie erstarren, der Sturm der Nacht ergreift sie. Es bleibt die Angst vor dem Nichts.
Musikalisch umkreisen wir den Inhalt: Schwebende Klänge, leise zwar, doch beharrlich pochend: vergiss sie nicht. Dramatische Akkorde (zum letzten Mal!) schwingen sich in die Höhe und erstarren in der Tiefe. Chaotisch, stürmisch und ungestüm in Melodie und Tempo schliesslich der Kampf. Bekannt für seine Choralzitate verwendet Reger im Schlussteil die Choralstrophe «Wenn ich einmal soll scheiden», die Bach in der Matthäus-Passion verwendete. Er lässt das Zitat mitten im Satz abbrechen: «Wenn mir am allerbängsten». Was wird zum Schluss bleiben, die Angst oder die Zuversicht?  

Monika Poltera-von Arb
studierte Theologie und Kirchenmusik und arbeitet als Pastoralassistentin in der Pfarrei Niederbuchsiten. 

Kammerchor Buchsgau
Der Kammerchor Buchsgau wird von Tobias von Arb geleitet.

Die Konzerte: Aus der Tiefe

Samstag, 17. März 2018, 19.30 Uhr

Sonntag, 18. März 2018, 17.00 Uhr

Pfarrkirche Neuendorf

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)
Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir – Kantate BWV 131 (1707)

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847)
Psalm 42 «Wie der Hirsch schreit» – op. 42 (1838)

Max Reger (1873 – 1916)
Der Einsiedler/Requiem, op. 144 (1915)

 

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