Aktuelle Nummer 24 | 2019
24. November 2019 bis 07. Dezember 2019

Editorial

Weisse Rose

Die Teilnahme am Bildungsforum Oberschwaben führte mich jüngst in die Volkshochschule Ulm. Sie wurde nach dem Krieg durch Inge Scholl «im Geiste der Gemordeten» gegründet. Inge Scholl war Mitglied der Widerstandsbewegung «Weisse Rose» und überlebte den Naziterror. Ihre Geschwister, Hans und Sophie Scholl, wurden zusammen mit Christoph Probst vor 75 Jahren, am 22. Februar 1943, hingerichtet. Das Foyer der Volkshochschule ist als Gedenkstätte eingerichtet. Nebst den Geschwistern Scholl sind über zwanzig weitere Jugendliche porträtiert. Alle stammten aus Ulm. Viele besuchten das Gymnasium, an dem sie selbstständig denken lernten und sich mit Literatur und europäischer Kultur beschäftigten, solange das noch möglich war. Die meisten waren in christlichen und linken Jugendorganisationen engagiert und waren nicht bereit, ihre Ideale zugunsten des Nationalismus aufzugeben. Mit Flugblattaktionen machten sie auf die Verbrechen des Nazi-Regimes aufmerksam, und sie bemalten Fassaden mit Parolen gegen den Krieg. Manche wurden verraten, verhaftet und zum Tode oder zu Lagerhaft verurteilt. Anderen gelang die Flucht oder sie konnten sich verstecken. Ihnen allen gebühren Respekt und Bewunderung. Doch es lastet schwer, alle diese Geschichten zu lesen und an sich heranzulassen. Die Schicksale schnüren einem die Kehle zu. Mancher Protest müsste auch heute wieder hinausgeschrien werden. Aber wie? Der Komponist Udo Zimmermann hat dem mutigen Widerstand der Jugendlichen und dem Schicksal der Geschwister Scholl in der modernen Oper «Weisse Rose» eine musikalische Gestalt gegeben. Die Oper wurde im vergangenen Jahr am Stadttheater Solothurn aufgeführt. Zimmermann verbindet seine Komposition mit heute und mit den Psalmen des Alten Testaments. Mit den Psalmen haben Juden, Christen und auch Muslime über viele Generationen ihre Freuden und Leiden ausgedrückt und den Schrei der Hoffnung vor Gott getragen. Sie sind hilfreiche Ausdrucksformen, wenn uns die Worte fehlen.

Die Kirchenmusik verschafft uns immer wieder neu einen Zugang zu dieser Kraft aus der Tiefe.

Ich wünsche Ihnen solche musikalische Zugänge und Erlebnisse.

 

Kuno Schmid