Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Dynamische Tradition

Um junge Menschen besser ansprechen zu können, wollten kirchliche Institutionen in Deutschland mehr über ihre Denk- und Lebensweisen wissen. Mittels einer Studie liessen sich die Lebenswelten der befragten Jugendlichen zwischen «Konservativen» und «Postmodernen» in sieben verschiedene Milieus einteilen. Die Milieus definierten sich über gemeinsame Werthaltungen und Bildungsniveaus und zeigten jeweils typische Haltung gegenüber dem Leben und dem Zusammenleben. Das Positive: Jugendliche aller Milieus beschäftigen sich mit Wert- und Sinnfragen, sie zeigen sich offen für und interessiert an religiösen Themen. Ihren Glauben betrachten jedoch die meisten als etwas Persönliches. Gegenüber dem kirchlich verfassten Christentum bleiben sie auf Distanz. Die Kirche erreicht mit ihrer Sprache und ihren Angeboten einzig noch einen Teil des sogenannt «konservativ-bürgerlichen» Milieus. Die übrigen Jugendlichen fühlen sich nicht angesprochen, nicht verstanden oder haben keine Ansprüche mehr an die Kirche und ihre Institutionen. Erschreckt sprechen die Verantwortlichen von einem drohenden Traditions-
abbruch. 

Ein Traditionsabbruch tritt ein, wenn der Glaube nicht mehr tradiert wird. Tradieren meint überliefern, übertragen in eine neue Zeit, auf neue Anforderungssituationen, in Beziehung setzen zum Leben, weiterentwickeln und verändern, damit die ursprüngliche Botschaft einen zeitgemässen Ausdruck findet. Bei einem Traditionsabbruch findet diese Wechselwirkung zwischen Glauben und Leben nicht mehr statt, weil die Distanz zur Lebenswelt zu gross geworden ist, weil sich kirchliche Formen und Sprache zu weit von den Menschen entfernt haben. Was bleibt, sind die Traditionen früherer Generationen. Lässt sich der Traditionsabbruch noch stoppen, oder ist es zu spät?

Sich für Tradition engagieren heisst nicht die Vergangenheit verklären und bewahren, sondern diese wertschätzend und mutig in die Gegenwart übertragen. Die Jugendsynode in Rom, im Dialog auch mit distanzierten Jugendlichen aus allen Milieus, ist eine Chance für ein solch dynamisches Traditionsverständnis.

Ich wünsche auch Ihnen den Mut, einige alte Zöpfe infrage zu stellen und ein Stück dynamische Tradition zu entdecken.

 

Kuno Schmid