Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

WENN DER PAPST DIE JUGENDLICHEN FRAGT

von Thomas Boutellier 

Bis Ende Dezember des letzten Jahres konnten Jugendliche auf der ganzen Welt die Umfrage des Vatikans im Hinblick auf die Bischofssynode zum Thema «Die Jugend, der Glaube und die Berufungsunterscheidung» ausfüllen. Die Ergebnisse fliessen dann in die Beratungen der Bischofssynode im Herbst dieses Jahres ein. 

Der Papst hat sich mit dieser Umfrage explizit an die Jugend gerichtet. Der Ruf der jungen Generation müsse «bis zu den Hirten gelangen», sagte Papst Franziskus. Die Jugendlichen sollen ernster genommen werden und Raum für neue Ideen erhalten. Papst Franziskus hat alle Jugendlichen auf der ganzen Welt angesprochen. Er hat auch extra alle nicht katholischen, kritischen und atheistisch eingestellten Jugendlichen zum Ausfüllen des Fragebogens aufgerufen.

Die Resultate der Umfrage
Stefan Oster, der Jugendbischof von Deutschland, informierte an einem Pressegespräch Ende Februar über erste Resultate der Umfrage. Rund 240 000 Jugendliche auf der ganzen Welt haben von dem Angebot, dem Papst ihre Meinung mitzuteilen, Gebrauch gemacht. Die meisten sind zwischen 16 und 19  Jahre alt und 70 Prozent davon katholisch. Die Auswertung der Antworten dauert noch an und wurde noch nicht veröffentlicht. Deshalb kann man noch nichts zum genauen Inhalt der Aussagen der Jugendlichen sagen. 

Der Jugendbischof formulierte auf der Pressekonferenz den Anspruch des Papstes an die Umfrage und die Jugendlichen so: «Ganz wichtig ist dem Papst und uns auch, dass wir auf die Jugendlichen hören. Wir sind nicht die, die schon immer wissen, wie Jugendliche ticken. Und manchmal erleben wir uns vielleicht auch als Menschen, die ganz weit weg sind von dem und überrascht sind von dem, mit dem Jugendliche so alles kommen und mit was sie uns konfrontieren. Oft auch davon, wie intensiv und tief ihr Glaubensleben ist, welche spannenden Fragen sie haben, manchmal natürlich auch, wie weit sie natürlich weg scheinen von den Themen, mit denen wir uns beschäftigen in der Kirche. Der Papst hat ganz bewusst auch Jugendliche eingeladen, die keinen Glauben haben oder die anderen Religionen oder Konfessionen angehören, mitzudiskutieren, was im Blick auf dieses Synodenthema wahrscheinlich auch eine Neuerung ist.»
Und so wie wir Papst Franziskus in den letzten Jahren erleben durften, wird er die Worte der Jugendlichen, egal ob kirchennah oder kirchenfern ernst nehmen. 

Die Anliegen der Jugendlichen in der Schweiz
Zusätzlich zur Umfrage haben sich in den letzten Monaten zahlreiche Jugendliche in Diskussionen und Workshops gefragt, wie sie sich die Kirche der Zukunft vorstellen. Die Jubla Solothurn beispielsweise hat dazu dem Papst einen Brief geschrieben, in dem sie ihre Wünsche formuliert:

• Die Kirche soll offener und fröhlicher werden.
• Die Kirche soll sich für Frieden und Liebe auf der ganzen Welt einsetzen.
• Die Kirche soll mit den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen mitgehen.
• Die Kirche soll offen sein und jeden Menschen so annehmen, wie er/sie ist – egal welcher Religion, welchen Geschlechtes oder welcher sexuellen Orientierung.
• Eine Kirche, die sagt: «Glaub an Dich, du kannst Grosses erreichen.» Und nicht eine Kirche, die sagt: «Du musst nur an Gott glauben, dann kannst Du Grosses erreichen.»
• Die Kirche soll mehr Kompetenz gegenüber der heutigen Jugend zeigen.
• Die Kirche soll ein Zeichen setzten gegen soziale Ungerechtigkeit und Fremdenfeindlichkeit.

Diese Aussagen decken sich mit vielen Antworten aus anderen und ähnlichen Umfragen von Jugendarbeitern in der Schweiz. Die Kirche wird von den Jugendlichen nicht nur schlecht erlebt, wie man häufig das Gefühl haben könnte, wenn man nur einzelne Voten hört. Die Kirche wird von ihnen als wichtiger Teil der Gesellschaft verstanden. Sie stellen jedoch oft fest, dass sie nicht mehr ganz am Puls der Zeit ist. Die Kirche schafft es nicht, mit ihrer Botschaft den Grossteil der Jugendlichen zu erreichen, sei es wegen der Sprache, oder wegen der unzeitgemässen Kommunikationsform. 

Ähnliche Ergebnisse hat auch eine Umfrage ergeben, die an die Verantwortlichen in der Jugendpastoral gegangen ist. Auch hier das Fazit: Die Verantwortlichen der Jugendpastoral erreichen die Jugend nicht mehr so wie noch vor 20 Jahren. So entschwindet der Kirche die Jugend einer ganzen Generation. Wenn diese Generation aber erreicht würde, dann könnte viel daraus wachsen, denn in allen Bereichen der Kirche wäre das Engagement der Jugendlichen gefragt. 

Die Vorsynode in Rom
Im März findet nun in Rom eine Vorsynode statt. Spannend daran ist, dass nicht die Bischöfe dazu eingeladen wurden, sondern die Jugendlichen selber. Aus der Schweiz werden drei Personen nach Rom gehen. Nebst der Delegierten der Bischofskonferenz, der katholischen Theologiestudentin Medea Sarbach, wurden zwei weitere Vertreter von Rom direkt berufen. Jonas Feldmann ist ein distanzierter junger Katholik aus Zug, der sich für «grüne Themen» auch politisch engagiert. Der Journalist Sandro Bucher aus Luzern bezeichnet sich als Atheist und vertritt Jugendliche, die sich konfessionslos verstehen. Alle drei werden die Lebenswirklichkeiten der Jugendlichen in der Schweiz und ihre Erwartungen an die katholische Kirche einbringen. 

Die Vorsynode kann auf einer speziellen Website mitverfolgt und begleitet werden: www.synod2018.va. Für Jugendliche zwischen 16 und 29 Jahren gibt es zudem eine
geschlossene Facebookseite, auf der sie untereinander und unter Ausschluss der Erwachsenen diskutieren können. 

Und dann?
Dann werden im Herbst die Jugendbischöfe aus aller Welt zusammenkommen und sich mit den Themen der Jugend und deren Vorbereitungspapieren aus der Vorsynode auseinandersetzen. Was das heisst und was rauskommt, lässt sich heute noch nicht sagen. Aber wir alle hoffen, dass dieses Jahr zu einem Jahr der Jugend wird und sowohl in Rom als auch auf der ganzen Welt einen erfüllenden Geist hinterlässt.  

Thomas Boutellier wurde am am Religionspädagogischen Institut der Universität Luzern als Religionspädagoge diplomiert. Er leitet die «Juse-so – Kirchliche Fachstelle Jugend» im Kanton Solothurn und ist Verbandspräses der Katholischen Pfadi Schweiz. 

Papst Franziskus kommt in die Schweiz

Am 21. Juni 2018 reist Papst Franziskus nach Genf. Er wird dort den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) besuchen und damit das ökumenische Engagement der katholischen Kirche bekräftigen. Der Besuch erfolgt anlässlich des 70-jährigen Bestehens des ÖRK. Im ÖRK sind 348 evangelische, orthodoxe und anglikanische Kirchen vertreten. Die katholische Kirche ist selbst nicht Mitglied dieses Weltkirchenrates, arbeitet aber in vielen Bereichen partnerschaftlich mit. Der Schweizer Bundesrat und die Schweizer Bischofskonferenz werden den Papst ebenfalls empfangen und in der Schweiz willkommen heissen. Zudem wird ein öffentlicher Gottesdienst mit Papst Franziskus in Genf geplant.