Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

OSTEREIER UND OSTERHASEN

Kurz vor Ostern lancieren die Zürcher Jungsozialisten ihre Forderung nach Abschaffung der christlichen Feiertage. Die Kinder erschrecken, die Geschäfte zucken zusammen: Was ist denn nun mit den Osterhasen und den Ostereiern? Um die Osterhasen geht es ihnen wohl nicht. Und «Ostern» ist auch nicht gerade ein typisches Feindbild der fortschrittlichen Jugend. Wer möchte denn das verlängerte freie Osterwochenende im Frühling missen? Wenn sie ein Problem mit Christen und Kirchen haben, müsste kritisch gefragt werden, ob die Abschaffung von Feiertagen dafür eine Lösung bietet. Gehört Ostern denn nur den Christen?

Natürlich ist Ostern das zentrale Fest des Christentums. Mit dem gekreuzigten und auferstandenen Jesu steht diejenige Person im Zentrum, die für die Christen die menschgewordene Offenbarung Gottes schlechthin ist. Jesus steht für die solidarische Güte Gottes und begründet das charitative Engagement so vieler Christinnen und Christen gerade auch an sozialen Brennpunkten.  

Aber österliche Feiertage gab es schon lange vor dem Christentum. Der erste Vollmond nach der Tag-und-Nacht-Gleiche war Anlass, die Ankunft des Frühlings zu feiern. Bäume und Blumen erwachen aus der Winterstarre und entfalten aufs Neue ihre Blütenkraft. Die Feier des Lebens zeigt sich als menschliche Grunderfahrung und ist überliefert in Symbolen wie bunten Eiern und Blumensträussen oder Osterhasen. 

Im jüdischen Glauben dient dieses jahreszeitliche Fest nicht nur der Feier des Lebens, sondern auch dem Gedenken an die Befreiung aus der Sklaverei im Vertrauen auf Gott. Über die Grundbedürfnisse hinaus sehnt sich der Mensch nach einem Leben in Würde, in Freiheit und Gerechtigkeit. Herrschaftskritik und der Einsatz gegen Ungerechtigkeit sind eine Konsequenz dieses jüdischen Gottesglaubens – bis heute. In dieser Tradition steht auch die christliche Deutung von Ostern. Zum Fest des Lebens und zur Befreiung des Volkes kommt die Hoffnung auf Erlösung eines jeden einzelnen Menschen dazu, über Grenzen, Ängste und Tod hinaus. 

Ostereier und Osterhasen stehen für ein Fest mit vielen Schichten und unterschiedlichen Zugängen. Vor einer Abschaffungsdiskussion lohnt es sich, diese Dimensionen zu ergründen.  

Ich wünsche Ihnen frohe Ostern!

Kuno Schmid