Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

FÜRCHTET EUCH NICHT! ER IST DA!

von Stephan Kaisser

Wir kennen die Szene aus Filmen und Bildern. Moses streckt seinen Arm über das Wasser aus und die zurück strömenden Wassergewalten zermalmen und ertränken die Soldaten und Streitwagen des ägyptischen Pharao. In einem Abenteuerfilm wie Ridley Scotts «Exodus: Götter und Könige» hat diese Szene ihre Berechtigung, aber warum wird diese Lesung aus dem Buch Exodus (Ex 14,15 –15,1) in jeder Osternacht vorgetragen? Viele finden es anstössig, in dieser Nacht von einem Gott zu hören, der von Abraham das Opfer seines Sohnes fordert oder die Ägypter im Meer ertrinken lässt, nachdem er zuvor das Herz der Ägypter verhärtete. Ist er denn kein «lieber Gott»?

 

Die Liturgie der Osternacht
Von den sieben alttestamentlichen Lesungen sollen zumindest drei vorgetragen werden, und die vom Durchzug durchs Schilfmeer muss dabei sein. Dies wegen der Verbindung des Osterfestes mit dem jüdischen Pessachfest. Jesus hat das Pessachmahl (Seder) am Abend vor seinem Tod gefeiert (Mk14,12 – 24), und nach dem Johannesevangelium starb Jesus zu der Zeit, als die Pessachlämmer im Tempel geschlachtet wurden (Joh 19,14 – 24). Jesu Tod steht damit im Zusammenhang mit der Befreiungshoffnung Israels. Beim Pessachfest wird der Errettung des jüdischen Volkes aus der ägyptischen Sklaverei gedacht. Hier hat diese Rettungsgeschichte am Schilfmeer ihre zentrale Bedeutung. Das versklavte Volk, die waffenlosen unterdrückten Fremdarbeiter, werden von Gott vor der zerstörerischen Grossmacht Ägypten gerettet. Der Gott des Lebens rettet sein Volk vor den als Todesmacht dargestellten Ägyptern. Eben dieser Gott rettet Jesus aus dem Tod und schenkt dadurch auch uns neue Hoffnung und Leben. So erinnert die Schilfmeer-Erzählung an die Rettungstat Gottes und stärkt das Vertrauen in seine lebensfördernde Kraft. Durch die enge inhaltliche (und zeitliche) Verbindung von Pessach und Ostern wird deutlich: Der Gott des Alten Testaments kann nicht ausgespielt werden gegen den des Neuen. Der Gott des AT ist der Gott Jesu und damit identisch mit dem des Neuen. «Tiefe und Reichtum unseres gemeinsamen Erbes erschliessen sich im Dialog der beiden Religionen, die der Welt den Glauben an den einen unaussprechlichen, uns ansprechenden Gott schenken durften … die Begegnung zwischen dem Gottesvolk des Alten Bundes und dem des Neuen Bundes ist zugleich ein Dialog zwischen dem ersten und zweiten Teil der Bibel», so betonte Johannes Paul II. bei seiner Ansprache in der Rabbinerkonferenz 1980 in Mainz die Gemeinsamkeit im Glauben der beiden Gottesvölker. 

Die Symbolik der Osternacht macht dies deutlich. Im Exsultet, dem grossen Osterlob, wird auf das Pessachmahl und das Schilfmeer-Wunder Bezug genommen: Gekommen ist das heilige Osterfest, an dem das wahre Lamm geschlachtet ward, dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben. Dies ist die Nacht, in der du unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hast.

Genauso wie in der Taufwasserweihe: Als die Kinder Abrahams, aus Pharaos Knechtschaft befreit, trockenen Fusses das Rote Meer durchschritten, da waren sie ein Bild deiner Gläubigen, die durch das Wasser der Taufe aus der Knechtschaft des Bösen befreit sind.

Die Folgen der Gewalt
Wir können diese Erzählung in einen grös­seren Zusammenhang einordnen, trotzdem bleibt sie anstössig, es bleibt der Zweifel: Darf tödliche Gewalt angewendet werden, um Bedrängte zu befreien? Einerseits können wir auf die biblischen Sprichwörter zurückgreifen «was der Mensch sät, wird er auch ernten» (Gal 6,7) oder «denn Wind säen sie und ernten Sturm» (Hos 8,7) und sagen, die Ägypter sind selbst schuld, ihre Gewalttaten fallen auf sie selber zurück und damit ist es nur gerecht, dass sie sterben. Andererseits bleibt auch der Tod der Schuldigen eine äusserst brutale Konsequenz. Auch die jüdische Tradition weiss um dieses Dilemma und betont deshalb, dass Gott am Tod der Ägypter leidet: «Gott hat nicht Gefallen am Tod der Sünder. Als sie die Vernichtung der Ägypter sahen, wollten die Engel einen Gesang anstimmen, aber Gott gebot ihnen Schweigen und sprach: Das Werk meiner Hände ertrinkt im Meer, und ihr wollt singen!» (Babylonischer Talmud, Megilla 10b)

Die Zusage des befreienden Gottes
Im Hintergrund dieser Glaubensgeschichte steckt wahrscheinlich ein historisches Ereignis und ein Naturphänomen. Einer Gruppe von ausgebeuteten Halbnomaden aus dem palästinensischen Gebiet gelingt die Flucht in ihr Herkunftsland. Sie entkommen der ägyptischen Grenzkontrolle mithilfe eines starken Ostwindes, der das Wasser beiseite bläst. Die nur leicht bepackten Flüchtlinge können nun recht gut über den seichten Boden gehen, während die schweren ägyptischen Streitwagen im Schlamm stecken bleiben und mit den zurückströmenden Wassermassen zu kämpfen haben. Typisch für den jüdischen Glauben und damit den Glauben Jesu wurde dies zu einer Glaubensgeschichte, die nicht zuerst historisch verstanden werden will, sondern in Bildern eine Glaubenswahrheit ausdrückt: 

Die Worte, die Moses vor dem Durchzug an sein Volk richtet, sind wie eine Überschrift: «Fürchtet euch nicht! Er ist da!» Die Befreiung am Schilfmeer ist allein Tat Gottes, Moses Hand symbolisiert seine segnende und rettende Macht, die sein Volk rettet und ihm festen Boden unter den Füssen und Freiheit verleiht. Zu allen Krisenzeiten oder auch wegen des zu stolzen Hochgefühls wird Israel mit dieser Erzählung gesagt, wer der Bezugspunkt ihrer Geschichte ist. Als das Volk im Babylonischen Exil an der Wirkmächtigkeit seines Gottes zweifelt, wird an die Befreiungstat am Sinai erinnert, oder dem überheblichen Volk zur Zeit König Salomos wird gesagt, dass es Freiheit und Wohlergehen nicht sich selbst verdankt, sondern Gott. Und das verpflichtet Israel, entsprechend zu handeln, das Gottesvolk soll das Leben so regeln, dass alle Menschen frei sein können. Darum sind auch die Zehn Gebote, die dem Volk zur bleibenden Freiheit verhelfen sollen, eingeleitet mit den Worten: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.

Auch für jeden von uns persönlich gilt diese österliche Zusage Gottes: Hab keine Angst vor Krisen, Konflikten oder Menschen, dein Gottvertrauen darf grösser sein als alle Menschenfurcht. Du bist ein befreiter und befreiender Mensch.  

 

Stephan Kaisser, geboren 1963 im badenwürttembergischen Bad Waldsee, studierte in München und Bochum Theologie und Philosophie. Der Vater dreier erwachsener Töchter ist Diakon und arbeitet als Lehrer an der Kantonsschule Solothurn.