Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Dekanat Buchsgau

von Urban Fink-Wagner

Wenn ein Bistum seine Dekanate aufhebt, wie das Bistum Basel dies am 1.  August 2018 umsetzt, stehen wir vor einem historischen Einschnitt. Denn die Dekanate sind jahrhundertealt, und diese Einteilung ist allgemein üblich und wird in anderen Bistümern nicht infrage gestellt. Auch wenn die Kirche hoffentlich mehr ist als Struktur und Institution, soll hier doch ein Blick auf die Vergangenheit der Dekanate geworfen werden und damit verbunden auch zur neuen Struktur der Pastoralräume, die wohl in naher Zukunft die Pfarreien ablösen oder zumindest in den Hintergrund treten lassen. 

Ein Dekanat ist ein Amtsbezirk innerhalb eines Bistums, der mehrere Pfarreien umfasst und von einem Geistlichen, Dekan genannt, geleitet wird. In jüngerer Zeit kommen im Bistum Basel auch Co-Leitungen vor, zusammengesetzt aus einem Geistlichen und einer Laientheologin/einem Laientheologen. Dem Dekan kommt gegenüber den Pfarreien des Dekanats personell und administrativ eine Aufsichtsfunktion zu, wobei das Amt des Dekans im allgemeinen Kirchenrecht fest vorgesehen ist. In den Dekanatsversammlungen treffen sich bis anhin im Bistum Basel die kirchlichen Angestellten regelmässig, die ein Arbeitspensum von mindestens 50 Prozent aufweisen. Die Versammlungen dien(t)en der Weiterbildung, dem Gedankenaustausch und der Förderung des Zusammenhalts untereinander. Als Kantonspräses von Jungwacht und Blauring hatte ich vor über 30 Jahren Dekanatserfahrung, die ich nicht missen möchte.

Die Geschichte des Dekanats Buchsgau
Die Anfänge des Christentums und der kirchlichen Organisation im Gebiet des späteren Bistums Basel liegen im Dunkeln. Erstmals darf ein Bischof im 4. Jahrhundert in Kaiseraugst (AG) vermutet werden. Späterverschob sich dieser Bischofssitz nach Basel. Die Errichtung des Landkapitels/Dekanates Buchsgau kann ebenso wenig genau datiert werden, ist aber vielleicht bereits unter dem Basler Reformbischof Haito (805 – 823) erfolgt. Namen von Buchsgauer Dekanen sind ab dem 12. Jahrhundert überliefert, wobei damals das Dekanat Buchsgau nicht nur die Pfarreien der heutigen Bezirke Thal und Gäu umfasste, sondern auch Olten und das Niederamt. 1441 umschreibt eine Basler Bistumseinteilung das Dekanat Buchsgau mit 19 Pfarreien, die Grafschaft Bipp eingerechnet, die mit der Berner Reformation 1528 wegfiel. 1569 kam die neu gegründete Pfarrei Welschenrohr hinzu und 1571 vom Kapitel Frickgau die Pfarrei Erlinsbach. Vom Solothurner Rat geförderte Verhandlungen im 17. Jahrhundert, auch die Solothurner Pfarreien nördlich des Passwangs anzugliedern, scheiterten. Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert wurden im Buchsgau zehn Pfarreien neu gegründet und zwei Pfarreien aus dem Dekanat Willisau übernommen, sodass das Dekanat Buchsgau 37 Pfarreien zählte und mit 33 000 Katholiken das grösste Dekanat der Schweiz war. Deshalb spaltete Bischof Jakob Stammler 1915 die 19 Pfarreien von Hägendorf bis Erlinsbach ab und bildete daraus das Dekanat Niederamt. Bereits 1891 wurde das Dekanat Solothurn-Lebern-Kriegstetten und 1901 das Dekanat Dorneck-Thierstein gegründet.

Pastoralräume als neue kirchliche Struktur
2006 veröffentlichte das Bistum Basel das Grundsatzpapier «Den Glauben ins Spiel bringen». In diesem Papier wurde festgehalten, dass die Gesellschaft komplexer geworden ist und es unter den neuen Gegebenheiten weniger wie bisher darum gehe, die gesellschaftlich gelebte und getragene Christlichkeit zu begleiten, sondern überhaupt den Glauben ins Spiel zu bringen. Das mache auch strukturelle Veränderungen nötig, eben pfarreiübergreifende Pastoralräume, «damit die verschiedenen pastoralen Tätigkeiten zusammenwirken und auch unter den Pfarreien Schwerpunkte gebildet werden können». Das Bistum Basel versteht die Pastoralräume als Weiterentwicklung der Seelsorgeräume, in denen die Pfarreien verbindlich und auf Dauer zusammenarbeiten. Der eigentliche Auslöser für den Pastoralen Entwicklungsplan war und ist der akute Priestermangel, der begreiflicherweise das Bistum zu neuen Schritten zwang.

Bis jetzt sind im Bistum Basel 58 Pastoralräume errichtet, 13 Pastoralräume sind gegenwärtig in der Umsetzung, 14 in der Vorbereitung, während elf geplante Pastoralräume wegen Widerständen oder personellen Problemen noch ruhen.

Die Auswirkungen der Pastoralräume auf das Leben der Pfarreien und Gläubigen sind noch schwer abzuschätzen. Tatsache ist, dass die Leitung eines Pastoralraums anspruchsvoller ist als die Leitung einer Pfarrei. Umso mehr sind die persönlichen Voraussetzungen, Fähigkeiten und ein offenes Ohr der Pastoralraumleitenden für die Bedürfnisse der Gläubigen in den einzelnen Pfarreien wichtig. «Erziehungsprogramme», etwa in Richtung Zentralisierung, dürften wohl in den meisten Fällen zum Scheitern verurteilt sein, auch wenn eine bessere Kooperation und die Zusammenlegung gewisser Aktivitäten zwischen den Pfarreien Sinn macht. Wenn Pastoralraumverantwortliche die Anliegen der Pfarreien jedoch nicht ernst nehmen, sind gerade die engagiertesten Ehrenamtlichen demotiviert. Und wenn Führungsverantwortliche eines Pastoralraum-Zweckverbandes autoritär und intransparent handeln, bedeutet dies eine Entdemokratisierung, weil Kirchgemeinden so zu «Bezahlonkeln» degradiert werden. Das frühere kirchgemeindliche Pfarrwahlrecht ist mit den Pastoralräumen sowieso de facto ausgehebelt. 

Pastoralräume als Ersatz der Dekanate
Die Basler Bistumsleitung hebt nun am 1. August 2018 die Dekanate auf, um die heute bestehenden vier Bistumsebenen «Bistumsregion – Dekanat – Pastoralräume – Pfarrei» auf drei Ebenen zu vermindern. Anstelle der ausfallenden Dekanate soll kantonal eine Pastoralraumleiterkonferenz eingerichtet werden, für die übrigen kirchlichen Angestellten gibt es aber keine kantonale oder regionale Bezugsebene mehr. Der Dekan als Aufsichts- und Begleitperson, der auch als Ombudsmann wirken konnte, fällt somit weg, auch das Dekanat, das regionale Vernetzung, Weiterbildung, auch «Chropfleerete» und Geselligkeit bot – leider in der letzten Zeit aber mit abnehmender Beteiligung. Die mit der Aufhebung bedingten zukünftigen Lücken führten innerhalb der Solothurnischen Kantonalen Pastoralkonferenz – ein nicht kirchenamtlicher, sondern freiwilliger Zusammenschluss kirchlicher Mitarbeitenden mit dem Ziel, pastorale Probleme zu bearbeiten – zu Überlegungen, wie dieses Gremium kantonal oder (über-)regional gewisse Aufgaben übernehmen kann, die mit dem Ausfall der Dekanate unter den Tisch fallen.

Gefährdete Landschaft
Wenn ein Pastoralraum deckungsgleich mit einem Dekanat ist, wie dies oft in städtischen Gebieten der Fall ist, bringt die Abschaffung der Dekanate keinen Nachteil. Auf der Landschaft aber bilden die Pastoralräume allein keine tragfähige regionale Struktur. Zudem ist es schwieriger für Pastoralräume mit mehreren Landgemeinden genügend kirchliches Personal zu finden. Es ist deshalb bedauerlich, dass für die Landschaft keine den Gegebenheiten angepasste, neue Form der bestehenden Dekanate erwogen wurde. Umso wichtiger sind alle Massnahmen, welche die Seelsorge auf dem Lande stärken. Die genannten Ansätze, welche die Solothurnische Kantonale Pastoralkonferenz gegenwärtig ausarbeitet, verdienen es deshalb, umgesetzt und unterstützt zu werden.

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Atlas des Heiligen Landes, Köln 1590, aus der wertvollen Dekanatsbibliothek mit ca. 3500 Bänden, die seit 1635 belegt ist und der Weiterbildung diente. Foto © Zentralbibliothek Solothurn

Der Historiker und promovierte Theologe Urban Fink-Wagner, Kirchgemeinderatsmitglied in Oberdorf und Organist in Welschenrohr, ist Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks Inländische Mission.