Aktuelle Nummer 24 | 2019
24. November 2019 bis 07. Dezember 2019

Editorial

Lebenswelten

Vor über dreissig Jahren vertrat ein ansässiger Seelsorger die Ansicht, man müsse die kirchlichen Angebote in regionale Einkaufszentren verlegen, in den Gäu-Park oder ins Ladendorf. Die Kirche müsse dort sein, wo die Menschen hingehen, sich an ihren Lebenswelten orientieren. Mit Bahnhof- und City-Kirchen wurden vielerorts solche neuen Projekte realisiert. Es gab aber rasch eine Gegenbewegung. Sie wandte sich gegen das Lädelisterben und machte sich für die Kirche im Dorf stark. In unseren Regionen dominierte diese zweite Bewegung, und regionale Projekte haben es bis heute schwer. Der Pastorale Entwicklungsplan des Bistums Basel (PEP) fordert nun aber dazu auf, beides und alle unterschiedlichen Lebensräume ernst zu nehmen und den Menschen in den jeweiligen Situationen nahe zu sein: z. B. Jugendlichen in den Oberstufenzentren oder in der Ausgangsmeile, Erwachsenen im Verein, in der Familienhilfe oder an kulturellen Veranstaltungen, älteren Menschen in der Nachbarschaft oder im regionalen Altersheim. Manchmal ist das Quartier oder das Dorf wichtig, manchmal schätzt man die grössere Region, es ist kein Entweder-oder.

Menschen orientieren sich aber nicht nur nach örtlichen Räumen oder nach Altersgruppen. Sie suchen andere, die eine ähnliche Einstellung haben, die ihre Lebenswelt ähnlich gestalten und deuten. Es sind solche «Milieus», in denen man sich zuhause fühlt. Lässt sich in solchen sinnstiftend gedeuteten Lebenswelten «der Glaube ins Spiel bringen»? Das ist anspruchsvoll. Es braucht eine Aufmerksamkeit für diese verschiedenen Milieus, ein Interesse dafür, wie in der jeweiligen Lebenswelt Sinndeutung verstanden wird, welche Werte wichtig sind, wie das «Unbe­dingte» oder «Letztgültige» erfahren wird. Da lässt sich schon viel Glaube entdecken. Er kann um den einen oder anderen christlichen Aspekt angereichert werden. Jedenfalls sind Fragen, was die eigene Lebenswelt und die Lebenswelt anderer ausmacht und über welche Sinndeutungen wir uns verständigen können, ebenso wichtig wie räumliche Strukturierungen und Gottesdienstpläne. 

Ich wünsche Ihnen interessante Erkundungen in neue Lebenswelten.

 

Kuno Schmid