Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Die Geistkraft Gottes

Der erste biblische Schöpfungsbericht erzählt: Gott erschuf den Menschen als sein Abbild, als Mann und Frau. Wenn also Mann und Frau Abbild Gottes sind, dann muss Gott wohl männliche und weibliche Dimensionen haben. Die weibliche Seite kommt traditionell in der Rede vom «Heiligen Geist» zum Ausdruck. In der hebräischen Sprache der Bibel wird sie «Ruach» genannt und ist grammatikalisch weiblich. Manche Theologinnen und Theologen übersetzen die Ruach deshalb mit «die Geistkraft Gottes», sodass sprachlich das weibliche Geschlecht sichtbar bleibt. Aus dieser Geistkraft Gottes leben Menschen ihren Glauben und engagieren sich für Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Sie repräsentieren Gott in ihrem Wirken als Männer und Frauen. Und doch: Über Jahrhunderte hat man es Frauen nicht ganz zugetraut, gleichberechtigte Abbilder Gottes zu sein. Die gesellschaftliche Unterordnung der Frauen und die Rollenzuweisung an die Geschlechter wurden auch in der Kirche übernommen und mit vielfältigen theologischen Argumenten untermauert. 

Die Gleichstellung und Gleichberechtigung der Frauen ist glücklicherweise mittlerweile als grundlegendes Menschenrecht anerkannt und zum Standard moderner Gesellschaften geworden, auch wenn die konkrete Umsetzung noch vielerorts mangelhaft ist. Selbst in der Kirche werden Frauen als Engagierte im Frauenbund, als freiwillige oder berufliche Mitarbeiterinnen, als Seelsorgerinnen oder Synodalrätinnen, ja sogar als Verantwortungsträgerinnen in der Bistumsleitung und bis hinauf in die römische Glaubenskongregation geschätzt und anerkannt. Denn sie leben ihre Berufung, insbesondere die Berufung zum kirchlichen Dienst, ernsthaft und verantwortungsvoll. Gerade Seelsorgerinnen werden von den Gläubigen sehr geschätzt. Nur wenn es ums Priesteramt geht, bleiben manche in den theologischen Argumentationen «von damals» verstrickt. Kirchliche Aussagen zu Rollenzuweisungen und zum Ausschluss der Frauen lesen sich mit heutigen Augen wie eine sonderbare Gendertheorie. Es wird immer schwieriger, Verständnis dafür zu finden und den Vorwurf zu entkräften, dass es sich nur um den Machterhalt einer Männerhierarchie handelt. Da kommt Pfingsten als Fest der Geistkraft Gottes gerade recht, um darüber nachzudenken und zu diskutieren, wo und durch wen Gottes Geistkraft heute weht und wirkt.  

Ich wünsche Ihnen begeisternde Pfingsttage. 

 

Kuno Schmid