Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Kirchen auf dem Weg zur Einheit

Papst Franziskus kommt nach Genf

von Kuno Schmid

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) feiert sein 70-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass reist Papst Franziskus am 21. Juni nach Genf und besucht den Weltkirchenrat und die Schweiz. Das Treffen bekräftigt das ökumenische Engagement von Papst Franziskus und findet in der Schweiz viele offene Ohren.

Der Ökumenische Rat der Kirchen
Der ÖRK vereinigt 348 Kirchen der reformierten, orthodoxen und anglikanischen Tradition, zu denen weltweit 500 Millionen Gläubige gezählt werden. Dabei will der ÖRK aber keine weltweite «Überkirche» sein. Er versteht sich als Gemeinschaft von Kirchen auf dem Weg zu einer Einheit im Glauben. Ziel ist es, das Gemeinsame der Mitglieder zu vertiefen, damit sie als «eine, heilige, katholische und apostolische Kirche» sichtbar werden. Der Begriff «katholisch», aus dem Griechischen für «das Ganze betreffend», steht im ÖKR dafür, dass die Kirchen, die den apostolischen Glauben an Jesus Christus bekennen, sich gegenseitig stärken und auch gemeinsam von diesem Glauben Zeugnis ablegen. Der ÖRK ist ein wichtiger Träger des konziliaren Prozesses für «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung». Dieses Anliegen teilt auch Papst Franziskus und fühlt sich hier ganz besonders mit dem Engagement des ÖRK und seinen Mitgliedskirchen verbunden. 

Das 70-Jahr-Jubiläum
2018 feiert der ÖRK das 70-jährige Bestehen unter dem Motto «Gemeinsam auf einem Weg, im Dienst von Gerechtigkeit und Frieden». Die Gemeinschaft wurde 1948 in Amsterdam gegründet. Weil sich der ÖRK bei der Gründung am Vorbild des Völkerbunds und der UNO orientierte, wählte er Genf als Hauptsitz. Damals waren es vor allem europäische und nordamerikanische Kirchen, inzwischen stammt die Mehrheit der Mitglieder aus dem südlichen Erdkreis. In Genf sind rund 150 Mitarbeitende beschäftigt. Das oberste Organ des ÖRK ist der Generalsekretär. Seit Juli 2014 ist dies der Norweger Olaf Fykse Tveit.

Nebst «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» ist die Gebetswoche für die Einheit der Christen ein wichtiges Projekt des ÖRK. Jährlich werden Materialien für das gemeinsame Feiern und die ökumenische Beziehungspflege vor Ort herausgegeben. Doch auch unter dem Dach des ÖRK gibt es viele Glaubensunterschiede. Im sogenannten Lima-Papier hat das Plenum der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung die wachsende Übereinstimmung und die bleibenden Differenzen in grundlegenden Bereichen des Glaubens und Lebens der Kirchen festgehalten. Das 1982 in der Hauptstadt von Peru verfasste Dokument ist bis heute gemeinsamer Bezugspunkt für Vereinbarungen der gegenseitigen Anerkennung.

Die katholische Kirche ist nicht Mitglied 
Immer wieder taucht die Frage auf, warum die römisch-katholische Kirche nicht Mitglied des ÖRK sei. Der ÖRK wäre offen dafür. Allerdings umfasst die römisch-katholische Kirche mehr Gläubige als alle Kirchen des ÖRK zusammen, was neue Strukturen nach sich ziehen würde. Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, begründet, dass sich die römisch-katholische Kirche selber in der Verantwortung für die Einheit der Christen sieht. Nach katholischer Auffassung sei es Aufgabe des Papsttums, die Christen weltweit zusammenzuführen. Beide Institutionen streben also dasselbe Ziel der Einheit der Christen an, deshalb sei eine Partnerschaft der sinnvolle Weg. Die katholische Kirche arbeitet denn auch in verschiedenen Kommissionen des ÖRK mit vollem Stimmrecht oder mit beratender Stimme mit und die Zusammenarbeit sei sehr gut. Auch das Lima-Papier ist von der katholischen Kirche mit erarbeitet worden. Diese gute Zusammenarbeit mit dem ÖRK haben schon Papst Paul VI. (1969) und Papst Johannes Paul II. (1984) mit ihren Besuchen in Genf gewürdigt. Am 21. Juni 2018 wird nun Papst Franziskus als drittes Oberhaupt der katholischen Kirche beim ÖRK anlässlich des 70-Jahr-Jubiläums erwartet.

Papst Franziskus und die Ökumene
Für Papst Franziskus ist das Ringen um die Einheit der Christen eine seiner Hauptsorgen, und er setzt neue Akzente. Als Argentinier ist er nicht in den europäischen Spannungsfeldern zwischen Orthodoxen, Reformierten und Katholiken gross geworden. Das traditionell katholische Lateinamerika ist jedoch konfrontiert mit einer wachsenden Bewegung freikirchlich-pfingstlicher Christengemeinschaften. Papst Franziskus hat deshalb den Dialog mit den Freikirchen, den er schon in Buenos Aires begonnen hat, zu den Gesprächen mit den anderen Kirchen dazu genommen. Er setzt in der Ökumene auf Begegnungen und Symbole, die Vertrauen als Voraussetzung für eine gemeinsame Weggemeinschaft schaffen. Eine vielgestaltige Weggemeinschaft, wie sie im Bild des «Volk Gottes unterwegs» auch vom 2. Vatikanische Konzil verwenden wurde, prägt sein Kirchenverständnis. Für ihn ist die Kirche nicht primär eine rechtlich abgesicherte Heilsanstalt, sondern eher eine Bewegung im Glauben und in der Nachfolge Jesu, die sich vorrangig auf die Menschen am Rande zu begibt und gleichzeitig für soziale Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden, Schutz und Erhalt der Natur und allen Lebens einsteht. So möchte er mit den anderen Kirchen unterwegs sein. Dieses Verständnis von Ökumene ersetzt den theologischen Dialog nicht. Aber es rückt ihn in ein anderes Licht. Es geht nicht einfach um die Klärung der Glaubenslehre, sondern um die Relevanz der Lehre für das Leben und den Glauben der Menschen. 

Der Papst und die Schweiz
Für Papst Franziskus ist es der erste Aufenthalt in der Schweiz. Am Rande des Besuchs beim ÖRK trifft er den Schweizer Bundespräsidenten Alain Berset und weitere Bundesräte sowie die Schweizer Bischöfe. Selbstverständlich möchte er allen Menschen hier in der Schweiz nahe sein. Deshalb sind alle Gläubigen zu einer abschlies­senden gemeinsamen Messe ins Ausstellungszentrum «Palexpo» eingeladen. Der Gottesdienst wird am Fernsehen übertragen. Der Vatikan bezeichnet die Reise als «pastoral». Deshalb hat die Schweiz die Visite von Papst Franziskus nicht als «Staatsbesuch», sondern als «offizieller Besuch» eingestuft. Ähnlich war das auch schon bei der Teilnahme von Johannes Paul II. am ersten gesamtschweizerischen katholischen Jugendtreffen in Bern 2004. Der letzte grosse Papstbesuch mit allen staatlichen Ehren fand 1984 statt. Johannes Paul II. bereiste damals die Regionen der Schweiz und betete am Grab von Bruder Klaus. Oft wird seither seine immer noch aktuelle Mahnung zum irrtümlich Bruder Klaus zugeschriebenen Wort zitiert: «Ja, ‹macht den Zaun nicht zu weit›, aber scheut euch nicht, über den Zaun hinauszuschauen, macht die Sorgen anderer Völker zu euren eigenen und bietet über die Grenzen hinweg eine helfende Hand, und dies auch auf der Ebene eurer staatlichen Organe und Finanzmittel.»   

 

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