Aktuelle Nummer 19 | 2019
15. September 2019 bis 28. September 2019

Editorial

AND THE WINNER IS

«Zum Glück ist dieses Affentheater bald zu Ende!», resümierte ein Kollege von mir in Bezug auf den US-Wahlkampf. Mir schien der Begriff «Affentheater» etwas harsch, doch er passt eigentlich nicht schlecht zum wilden Treiben der beiden Kandidaten. Niveau und Anstand hatten in diesem politischen Ringen nichts zu suchen. Mit den ganz und gar nicht schmeichelhaften Bezeichnungen «pathologische Lügnerin», «Heuchlerin», «Betrügerin» und überhaupt «eine totale Schande» fertigte Donald Trump seine Kontrahentin ab. Diese leistete sich kaum eine verbale Entgleisung, verkörpert jedoch die typische Parteikarriere, geprägt von skrupel­losem Hocharbeiten und dem Wegboxen von möglichen Konkurrenten. In ihren Aussagen schien die Wahrheit nicht selten ein recht dehnbarer Begriff zu sein. Ja, aus moralischer Sicht war dieser Wahlkampf ein auswegloses Jammertal, zum Glück ist der Spuk nun vorbei.

Waren also moralische und religiöse Belange in diesem Wahlkampf ohne Bedeutung? War das «everything goes» oberste Maxime? Auf keinen Fall, denn Donald Trump vertrat eine Reihe von Werten, mit denen sich weisse, evangelikale Christen identifizieren. Das ist verwirrend, selbst für Amerikaner, denn tatsächlich taugt Trump nicht wirklich zum moralischen Vorbild. Er war dreimal verheiratet. Früher trat er für, später gegen das Recht auf Abtreibung ein, und er wetterte masslos über Flüchtlinge und Ausländer. Doch auch Hillary Clinton erwies sich in der Vergangenheit in religiösen Fragen als recht flexibel. Beide hätten es jedoch nicht gewagt, sich in «God’s own Country» als religiös-distanziert oder gar areligiös zu bezeichnen, auch wenn diese Umschreibung die religiöse Haltung der beiden Streithähne am besten widerspiegeln würde. 

Beim Verfassen dieser Zeilen kannte ich den Ausgang der Wahlen noch nicht. Es ist jedoch aus politisch-theo­logischer Sicht beunruhigend, wie christliche Nostalgie sich mit der Sehnsucht nach einer im Letzten gar apolitischen Figur verbindet, die das Land regieren soll. So kann ein mehr oder weniger getarnter Nationalismus schnell einmal zur eigentlichen Volksreligion werden. Ob Clinton oder Trump, der Schaden, der in den vergangenen Monaten angerichtet wurde, ist auch in der kommenden Amtszeit nicht mehr zu beheben – und ich wage gar nicht daran zu denken, was in vier Jahren wieder los sein wird.


Mit freundlichen Grüssen, Reto Stampfli