Aktuelle Nummer 19 | 2019
15. September 2019 bis 28. September 2019

Jugend

«Die Kinder sind durch euch, nicht von euch»

von Daniele Supino

Die 22-jährige Céline Hoog aus Deitingen studiert Philosophie und Rechtswissenschaft an der Uni Zürich. Im Oktober hat sie für ihre Maturarbeit über die Reproduktion durch Social-Freezing (dem vorsorglichen Einfrieren von unbefruchteten Eizellen) den Theologiepreis der Uni Zürich gewonnen.

Céline, wir gratulieren zum Preis! Seit wann interessierst du dich für ethische Fragen?
Schon sehr früh stellte ich mir Fragen über den Sinn des Lebens und über den Tod. Eine intensivere Auseinandersetzung begann im Griechisch- und Lateinunterricht. Die Faszination zur Philosophie ist riesig. Mit wem sprichst du über ethische Themen? Ich diskutiere viel darüber mit der Familie und mit Freunden. Ausserdem lese ich gerne die Gedanken der antiken Philosophen. Auch wenn manche Gedanken über 2000 Jahre alt sind, im Kern sind sie aktueller denn je. 

Wie kamst du zum Thema «Social-Freezing»?
Ich wollte ein aktuelles, kontrovers diskutiertes Thema bearbeiten. 2015 war die Debatte um Social-Freezing losgegangen, weil Firmen wie Apple, Google und Facebook diese Methode ihren Angestellten anboten, damit sie im Gegenzug noch keine Kinder bekamen. Mich interessierte, welches Verständnis wir von Fortpflanzung künftig haben werden.

Gibt es mehr Vorteile oder Nachteile, wenn man die Eizellen einfrieren lässt? 
Das kommt immer auf die Sichtweise an. Die Methode verspricht z.B. den Frauen mehr Autonomie in der Lebensgestaltung, indem sie ihnen eine zeitliche «Entkoppelung» der Fortpflanzung ermöglicht. Sie können sich dann auf die Karriere konzentrieren und später eine Familie gründen. Bloss: Ist das wirklich ein Gewinn an Autonomie, wenn Firmen zunehmend in der Familienplanung mitbestimmen? Dazu kommt, dass es selbst mit der Social-Freezing-Methode keine Garantie für eine spätere Schwangerschaft gibt.

Welche ist deine Einstellung zu diesem Phänomen?
Ich stehe dem kritisch gegenüber. Mich stört vor allem, dass Kinder als Handicap für eine Karriere gelten. Anstatt dass man die Kinder als Bereicherung ansieht und versucht, das Arbeitsleben mit dem Familienleben kompatibel umzugestalten, versucht man den weiblichen Körper so «umzuprogrammieren», dass er der Wirtschaft möglichst lange dient!

Willst du selber Mutter werden?
Ja, aber ich will das nicht planen, es wird sich schon irgendwie ergeben. Ich sehe das Kind als eine Gabe an sich. Oder wie es der Dichter Kalil Gibran sagt: «Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.»