Aktuelle Nummer 19 | 2019
15. September 2019 bis 28. September 2019

Schwerpunkt

RELIGION UND POLITIK

von Reto Stampfli

Nach einem lärmigen und nicht selten niveaulosen Spektakel ist der Wahlkampf in Amerika entschieden. Trotz offizieller Trennung von Kirche und Staat: Ohne Religion ging auch in diesem Jahr nicht viel. 

Die Frage, ob die Katholiken eher der Demokratin Hillary Clinton oder doch dem Republikaner Donald Trump ihre Stimme zukommen liessen, kann durchaus Einfluss auf die US-Wahlen gehabt haben, denn jeder fünfte Nordamerikaner bekennt sich laut einer Studie aus dem Jahr 2015 zur katholischen Kirche. Damit sind die Katholiken die grösste Konfession in den Vereinigten Staaten. Die Entscheidung bei den Katholiken dürfte jedoch in diesem Jahr keineswegs eindeutig ausgefallen sein. Klare Positionierungen wie in vorausgehenden Wahlkämpfen gab es wenige. So sprach zum Beispiel der texanische Politikprofessor David Upham im jesuitischen «America Magazine» von einer «besonders armseligen Wahlmöglichkeit». Der Dogmatiker Bruce D. Marshall hielt es gar für unvereinbar, mit einer katholischen Überzeugung an der Wahl teilzunehmen: «So sehr ich es auch bedaure, ich beabsichtige nicht, in diesem Jahr eine Stimme in der Präsidentschaftswahl abzugeben.»

God bless America
Diese ernüchternden Äusserungen und eine allgemeine Wahlverdrossenheit könnten den Anschein erwecken, dass religiösen Ausrichtungen im amerikanischen Wahlkampf nur noch eine nebensächliche Bedeutung zukommt. Doch wie gross ist eigentlich der Einfluss der Religion auf die amerikanische Politik heute? Professor Manfred Brocker von der Universität Eichstätt-Ingolstadt gibt in seinem neuen Buch «God bless America» zu bedenken, dass die Rolle der Religionen in der US-Politik nicht zu unterschätzen sei. Der deutsche Politikwissenschaftler führt dazu aus: «Man kann sich heute nicht vorstellen, dass ein Präsidentschaftsbewerber nicht religiös ist. Wobei es keine sehr grosse Rolle spielt, welcher Religion er angehört. Religion ist bedeutend, religiös motivierte Wähler sind wahlentscheidend in den USA. Man kann aber nicht sagen, dass eine bestimmte Gruppe massgeblich Einfluss genommen hat. Dafür ist das Land in dieser Hinsicht viel zu disparat.» 

Zwar spielten und spielen religiöse oder konfessionelle Einflüsse auch in der Schweizer Politik eine nicht zu unterschätzende Rolle – vor allem in der Gründungszeit des modernen Bundesstaates – mit der Situation in Amerika lassen sich die eidgenössischen Verhältnisse keineswegs gleichsetzen. Doch warum sind religiöse Aspekte in den Staaten ein dermassen wichtiger Einflussfaktor? Professor Brocker gibt zu dieser Konstellation zu bedenken, dass das Land vorwiegend von puritanischen Siedlern gegründet worden sei. Verfolgte Minderheiten aus Europa. In ihrer neuen Heimat konnten die Glaubensflüchtlinge ihre Religion frei ausleben. Und er ergänzt: «Deshalb spielte und spielt Religion seit der Gründung, seit der Kolonialisierung eigentlich eine so grosse Rolle. Dazu kommt: Die Menschen ziehen oft um, auch in ganz andere Gegenden des Landes. Und um sich dort verwurzeln zu können, ist der erste Weg immer in die jeweilige Kirche. Wo man eben sofort ein Netzwerk hat, wo man sofort Hilfe bekommt, wo es sofort Menschen gibt, die man sonntags regelmässig treffen und ansprechen kann. Die Kirche und die Nachbarschaft sind zwei ganz wichtige soziale Netzwerke in den USA.» So sind es dann auch diese Netzwerke, die bei der politischen Meinungsfindung und bei Wahlen von grundlegender Bedeutung sind. 

Nicht von dieser Welt
Nach dem überstandenen «US-Wahlkampfmassaker» kann durchaus wieder einmal die fundamentale Frage aufkommen, ob sich religiöse Stimmen überhaupt in politische Belange einmischen dürfen oder ob eine konsequente Trennung von Religion und Staat – wie sie die Aufklärung unmissverständlich gefordert hat – die beste Lösung ist. «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist» – ein bekanntes Zitat aus dem Markus-Evangelium, könnte einem bei dieser heiklen Frage spontan ins Gedächtnis kommen. Das ist jedoch eine Forderung, die oft missverstanden worden ist, denn sie impliziert nicht, wie oft oberflächlich angenommen, eine strikte Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt. Es geht dabei nicht um zwei Reiche, bei denen eines nicht von dieser Welt ist. Vielmehr sucht diese biblische Aussage, wie es sich auch aus dem Kontext klar ergibt, die Mitte zwischen den extremen Positionen des Widerstandes und der Revolution gegen den Kaiser auf der einen Seite und der Verherrlichung von Kaiser und Reich auf der anderen Seite. Eine goldene Mitte, über der die Souveränität Gottes steht, der den ganzen Menschen beansprucht und damit grundsätzlich auch die politische Ordnung umfasst. 

Doch von dieser Welt
Eine Grundaussage der jüdischen und christlichen Theologie besagt, dass der Mensch von Gott als sein Ebenbild geschaffen wurde und deshalb mit einer einmaligen und unveräusserlichen Würde ausgestattet ist. Die gesamte abendländische politische Philosophie – von Augustinus über Thomas von Aquin bis hin zu Charles de Montesquieu – gab, darauf aufbauend, der persönlichen Würde des Menschen den Vorrang vor Staat und Gesellschaft. Der Mensch soll frei entscheiden können, sei es in politischen Fragen, aber auch in religiösen Belangen.

So haben religiöse Stimmen also auch im politischen Diskurs ihre Berechtigung. Sie sollten jedoch stets, basierend auf den eigenen religiösen Grundsätzen, die Würde des Menschen ins Zentrum stellen und keinesfalls im eigenen Interesse Machtpolitik unterstützen oder Personenkult betreiben. Weder der fatalistische Rückzug der Kirchen in den eigenen «Winkel der Rechtgläubigkeit» weist in die Zukunft noch der krampfhafte Versuch, dem Zeitgeist hinterherzulaufen. In einer Zeit der zunehmenden Säkularisierung ist das Wort der Kirchen nicht weniger gefragt, ist die Bedeutung der Religion, ist die Kooperation mit der Politik nicht weniger wichtig, gerade weil die Suche nach Halt und Orientierungen nicht abgenommen hat. Voraussetzung dazu ist jedoch, dass die Kirche von dieser Welt ist und dementsprechend auch etwas Essenzielles in die Debatte einbringen kann. 

  

Die «Politik» von Jesus Christus

Ein Auszug aus seinem revolutionären Programm (Matthäus 5, 1 – 10)

Die Seligpreisungen

Jesus sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. 
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. 
Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. 
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. 
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. 
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. 
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.