Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Fussballgötter

Der Vergleich von Fussballspielen mit Gottesdiensten wird schon seit Langem von den Sozialwissenschaften angestellt. Sie beschreiben Religion nicht von einem Inhalt her, sondern von der Funktion, die Religion in einer Gesellschaft ausübt. Und da pilgern eben heute die Massen in die Stadien, singen die Wechselgesänge, verehren ihre Stars als Fussballgötter und sammeln Paninibilder wie früher Heiligenbildchen. Die kommende Fussball-WM verspricht solche eindrücklichen Erlebnisse. Doch auch für die Spieler ist Religion ein Thema – nicht nur, wenn sie beim Betreten des Spielfeldes sowohl den Rasen berühren als auch sich selbst bekreuzigen. In einem Interview mit deutschen Fussballspielern sagt Enrico Valentini, dass es anfangs schwierig gewesen sei, in der Kabine über religiöse Fragen zu sprechen. «Mittlerweile spreche ich gern darüber und zeige meine Position», denn unter den Spielern gäbe es viele, die beteten und gläubig seien. Auch Michael Klose bestätigt, dass für ihn der christliche Glaube wichtig sei. Er ergänzt, dass sich für ihn der gelebte Glauben aber eher im fairen Verhalten im Spiel zeige. 

Religiöse Themen tauchen manchmal auf überraschende Weise auf, und an Orten und in Zusammenhängen, wo man sie nicht erwartet. Hatte man lange den Fussballplatz als Konkurrenz, ja als Kontrastpunkt zur Kirche gesehen, so diskutiert man nun in Zürich, ob im neuen Stadion eine Fussballkirche gebaut werden kann. «Die Kirche muss dort präsent sein, wo die Menschen sind», meint der Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist. Eine Kirche wäre ein Signal gegen Gewalt und für Vermittlungsarbeit. Die Fussballclubs sehen darin eine Unterstützung für ihr Bemühen, mit Fussball Generationen, Nationen und Kulturen zu verbinden. Nicht nach Fussballgöttern, sondern nach den griechischen Göttern haben die Kinder und Jugendlichen im Pfingstlager von Jungwacht Blauring Kanton Solothurn gesucht. Auf spielerische Weise und ähnlich überraschend haben sie sich auf Fairness und religiöse Themen eingelassen. 

Ich wünsche auch Ihnen spannende Erlebnisse mit oder ohne Fussball-WM.

 

Kuno Schmid