Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Vertikale Ökumene

Man hört es oft und in unterschiedlichen Zusammenhängen: Unsere gesellschaftlichen Werte seien begründet in der jüdisch-christlichen Tradition – und diese gelte es zu wahren. 

Gibt es überhaupt eine jüdisch-christliche Tradition? Jedenfalls kann sie nicht alt sein. Ausgrenzung, Vertreibung, Ghettoisierung und Ermordung bis zum Holocaust zeugen eher von einer jahrhundertealten Judenfeindschaft im Christentum. Man könnte einzig sagen: Als diskriminierte Minderheit haben die Juden schon immer zur europäischen Geschichte gehört. 
Als solche Minderheit waren auch Muslime seit Jahrhunderten in Europa präsent. Dann liesse sich ebenso berechtigt von einer islamisch-christlichen Tradition sprechen. Angehörige der jüdischen und der islamischen Religion wurden schon in früheren Jahrhunderten als «Fachkräfte» geholt wegen ihrer medizinischen, wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Kompetenzen. Jüdisch-islamisch-christliche Tradition könnte dann bedeuten, dass wir einen Teil unserer europäischen Entwicklung den jüdischen und muslimischen Gelehrten und Händlern verdanken. Doch einen gleichberechtigten Platz erhielten sie nicht. Erst das zweite vatikanische Konzil ermöglichte mit den Erklärungen zum Judentum und zum Verhältnis zu den nicht christlichen Religionen einen Dialog und ein Nachdenken über gemeinsame Traditionen. 

Der Fribourger Alttestamentler Othmar Keel lancierte diesen Dialog als «vertikale Ökumene». Das heutige Judentum, das Christentum und der Islam wurzeln in der Geschichte der biblischen Israeliten und darüber hinaus in der altorientalischen Kultur. In allen drei Religionen werden die Geschichten von Adam und Eva, von Noah, Abraham, Mose, David und den Propheten erzählt, aber je auf eigene Weise. Anstatt sich nur im Nebeneinander zu vergleichen, könnte ein vertikales Nachdenken über die gemeinsamen Wurzeln verbindend sein. Vielleicht könnte so tatsächlich so etwas wie eine gemeinsame jüdisch-islamisch-christliche Tradition entdeckt werden. Das Kirchenblatt will jedenfalls in dieser und der nächsten Nummer schon mal zu einem Blick auf das jüdische und das muslimische Leben in unserer Region einladen. 

Ich wünsche ihnen erholsame Ferienwochen.

Kuno Schmid