Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Jugend

Der Islam, das Christentum und das Studium

von Sophie Deck

Interview mit Samira Hobi. Sie ist 19 Jahre alt, studiert im 3. Semester an der Uni Bern Islamwissenschaft und beantwortet Fragen zu Studium und Glauben.

 

Sophie Deck: Wie bist du auf die Idee gekommen, Islamwissenschaft zu studieren?
Samira Hobi: Die Ereignisse im Nahen Osten und die damit verbundene Thematik des Terrorismus haben mich bewegt. Der Islam wurde in den Medien oft negativ dargestellt und für die Krise verantwortlich gemacht. Die ganze Zeit fragte ich mich: Kann das alles wirklich wahr sein? Schliesslich sind in der Vergangenheit auch im Namen des Christentums schlimme Dinge getan worden, aber dennoch wissen wir, dass das Christentum grundsätzlich eine friedliche Religion ist. Ich machte dies dann zum Thema meiner Maturarbeit: «Islamistischer Terrorismus: Inwiefern trägt der Westen eine Mitschuld an der momentanen Situation im Nahen Osten?» Die Beschäftigung mit der Problematik führte mich zu dieser Studienwahl und ich bin heute noch zufrieden damit. 

Woraus besteht dein Studiengang und was kannst du später damit machen?
Die offizielle Bezeichnung meines Studiengangs heisst «Islamwissenschaft und neuere orientalische Philologie». Er besteht aus Islamwissenschaft, Sozialanthropologie, Arabisch und Persisch oder Türkisch (man kann auswählen). Mit diesem Studium kann man zum Beispiel als Beraterin für internationale Unternehmen oder als Übersetzerin tätig sein, man kann in Museen, Archiven oder in Botschaften arbeiten. Ich würde gerne als Botschafterin tätig werden.

Würdest du dich als gläubige Christin bezeichnen?
Ich gehe zwar nicht regelmässig in die Kirche, aber ich bete eigentlich jeden Tag. Ich weiss nicht, ob mich das zu einer gläubigen Christin macht. Ich finde Religion unglaublich interessant, aber mehr von aussen. Einerseits denke ich, dass sie etwas Gutes ist, weil sie den Menschen Hoffnung gibt, andererseits kann genau das auch problematisch sein. Denn wenn Menschen all ihre Hoffnung in die Religion stecken, sind sie sehr leicht manipulierbar. Das hat in der Geschichte zu vielen negativen Ereignissen geführt. Allerdings ist Glaube und Religion nicht dasselbe. Mein Glaube ist für mich etwas Positives, weil er mir immer Kraft gibt, obwohl ich nicht sicher sagen könnte, ob es Gott wirklich gibt oder nicht. 

Sind viele deiner Kommilitonen/innen Christen/innen?
Die Christen sind gegenüber den Muslimen definitiv in der starken Überzahl, was mich selbst am Anfang erstaunt hat. Ob jemand konfessionslos oder jüdisch ist, weiss ich nicht, da wir eigentlich sehr selten über unseren Glauben reden. 

Denkst du, es kann für Nicht-Muslime schwierig sein bzw. ist es für dich schwierig, deinen Glauben mit dem Islamwissenschaftsstudium zu vereinigen?
Nein, ich denke nicht. Ich bin zwar keine streng gläubige Christin. Aber auch wenn ich es wäre, würde dies kein Problem darstellen, da ich Religion nicht auf einer theologischen Ebene studiere, sondern als beschreibende Religionswissenschaft. Für mich hat mein Studium also nichts Spirituelles. Ich glaube, dass es viel schwieriger ist, dieses Studium mit dem Glauben zu vereinigen, wenn man ein streng gläubiger Muslim ist, weil alles objektiv analysiert und auch kritisiert wird. Ein Bekannter von mir zum Beispiel, der ein streng gläubiger Muslim ist, wurde oft emotional und sehr defensiv, wenn ich mit ihm über Dinge redete, die wir im Studium behandelt hatten, weil diese für ihn ein Angriff auf seinen Glauben darstellten.

Der Islam ist manchmal umstritten. Findest du den Islam als Religion positiv? Also würdest du zum Beispiel zulassen, dass deine Kinder Muslime werden?
Ja, ich empfinde den Islam als eine positive Religion. Muslime sehen das Christentum als eine Weiterentwicklung des Judentums und den Islam als eine Weiterentwicklung des Christentums. Daran ist richtig, dass das Christentum aus dem Judentum entstanden ist und der Islam aus dem Christentum. Ich persönlich würde das nicht unbedingt als „Weiterentwicklung“ bezeichnen, jedoch merkt man, dass sich die Religionen dadurch sehr nahe sind und Gemeinsamkeiten haben, beispielsweise Abraham und die Propheten. Auch Jesus ist für die Muslime ein Prophet, aber nicht Gottes Sohn, da im Islam Gott keinen Sohn hat. Mohammed ist für sie der sogenannte Siegelprophet, weil er die vollkommene Version der Heiligen Schrift, den Koran gebracht hat, der auch viele Gemeinsamkeiten mit der Bibel und der Thora hat.
Ich würde also schon zulassen, dass mein Kind Muslim wird, da die beiden Religionen viele Ähnlichkeiten haben und an den gleichen Gott glauben. Dabei muss man die Religion natürlich von den kulturellen Zwängen unterscheiden, die es traurigerweise an vielen Orten gibt. Mir wäre aber wichtig, dass mein Kind später die Möglichkeit hätte zum Christentum zu konvertieren, sollte er oder sie sich dort mehr zugehörig fühlen.

Würdest du zum Schluss noch etwas sagen zur Unterscheidung von Islam und Islamismus?
Der Islam ist eine ganz normale Religion und Islamismus ist eine Form von Extremismus, die Religion als Rechtfertigung für Gewalttaten benutzt. Wenn die Islamisten wirklich am Islam interessiert wären, dann würden die erkennen, dass es keine Grundlage für ihre Gewaltverbrechen im Islam gibt. Deshalb kann man Islamismus nicht als Teil des Islams bezeichnen, weil die Taten der Islamisten durch und durch unmenschlich und unislamisch sind.