Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Maryam

Maryam ist die arabische Übersetzung von Maria. So wird sie in der islamischen Heiligen Schrift, dem Koran, genannt. Über ihre Erwählung und Bedeutung als Mutter Jesu wird breit berichtet. Sie ist die einzige Frau, nach der eine Sure (ein Kapitel) des Korans benannt ist und geniesst im Islam grosse Hochachtung. Doch das wissen selbst manche Muslime nicht mehr. Deshalb ist die Forderung nach muslimischem Religionsunterricht nicht unbegründet. 

Die definitive Einführung eines solcher Unterricht wird zurzeit in Baden-Württemberg diskutiert. Hintergrund bildet die deutsche Verfassungsbestimmung, die allen Kindern staatlich finanzierten Religionsunterricht garantiert. Das Recht auf religiöse Bildung begründet Deutschland mit der positiven Religionsfreiheit. Der neutrale Staat soll Religionsunterricht als ordentliches Fach «nach den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft» einrichten. Da beginnen jedoch die Schwierigkeiten für den muslimischen Religionsunterricht. Den «Islam» als solchen, als einheitliche Religion oder Religionsgemeinschaft, gibt es nicht. Dem Staat tritt eine Vielzahl von muslimischen Gemeinschaften entgegen. Sie formieren sich nach ethnischen und konfessionellen Merkmalen und repräsentieren nur einen Teil der muslimischen Bevölkerung. Sich als öffentlich-rechtliche «Kirche» zu organisieren, entspricht bisher nicht dem islamischen Selbstverständnis. Für den Staat ist es deshalb schwierig, Lehrpläne zu erlassen oder islamische Religionslehrpersonen «in Absprache mit der Religionsgemeinschaft» auszubilden. Denn eines ist unbestritten: nur in Deutschland ausgebildete Lehrpersonen dürfen unterrichten und die Unterrichtssprache ist deutsch. 

Auch in der Schweiz gibt es erste Schulprojekte für deutschsprachigen muslimischen Religionsunterricht, der sich sehr positiv bezüglich der Integration der Kinder auszeichnet. Dank der Schaffung des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft an der Universität Fribourg sind auch Studienangebote vorhanden. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich zum Festtag «Maria Aufnahme in den Himmel» neue Gedanken über Maryam/Maria und vielleicht auch über den Islam machen können.  

 

Kuno Schmid