Aktuelle Nummer 24 | 2018
11. November 2018 bis 24. November 2018

Editorial

1918.ch

Es gibt Daten in der Geschichte, die erst im Rückblick zu Schlüsselereignissen werden. Das scheint auch für das Jahr 1918 zu gelten. Für die Zeitgenossen war 1918 trotz Kriegsende wohl eher ein Jahr geprägt von Not und Verzweiflung, von Hunger, Ausbeutung und Grippetod. Die Forderungen nach sozialen Verbesserungen gipfelten im Landesstreik – und auch dieser scheiterte angesichts des Armeeeinsatzes gegen die eigene Bevölkerung. 

Das Theater «1918.ch» in Olten bringt diese Zeitcollage eindrücklich zur Darstellung. Die Inszenierung gibt aber auch den Forderungen jener Zeit eine Stimme. Es sind Forderungen, die 1918 von den politisch und wirtschaftlich Mächtigen noch abgeschmettert wurden, dann aber doch allmählich zum gesellschaftlichen Wandel führten. Hervorzuheben ist die Sozialpartnerschaft zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, in der sich beide Seiten auf offene Verhandlungen nach dem Grundsatz von Treu und Glauben verständigten. Im Dienste des Gesamtwohls des Landes sollen Konflikte durch den Verständigungswillen oder durch Schlichtungsstellen gelöst und die demokratische Ordnung gestärkt werden. Arbeitsbedingungen und Löhne liessen sich so verbessern, Sozialwerke wie Krankenkassen, Arbeitslosenversicherung und die Altersvorsorge wurden ausgehandelt und aufgebaut. Am längsten mussten die Frauen kämpfen. Ihre Forderung nach Gleichberechtigung wurde erst 1971 durch die Einführung des Frauenstimmrechts erfüllt. Vieles, was heute als selbstverständlich gilt, hat 1918 seinen Anfang genommen, und man kann 1918 tatsächlich dankbar als Schlüsseljahr für die Schweiz bezeichnen. 

Am kommenden eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag können wir diese Dankbarkeit gegenüber den mutigen Frauen und Männern von damals zum Ausdruck bringen. Er kann auch Anlass sein, über die Rolle der Kirche und mancher Christinnen und Christen nachzudenken, die oftmals auf der falschen Seite standen. Und auch für unsere Gegenwart haben wir Anlass, um den Beistand Gottes zu bitten, denn das Ringen um Frieden und Konsens, die Verlässlichkeit auf Treu und Glauben sind gerade in unserer Zeit wieder durch neue Polarisierungen gefährdet. 

Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen Bettag.

 

Kuno Schmid