Aktuelle Nummer 20 | 2018
16. September 2018 bis 29. September 2018

Schwerpunkt

Schicksalsjahr 1918 – Spanische Grippe und Landesstreik

von Urban Fink-Wagner

Heute leben viele im Kanton Solothurn in einem Wohlstand, der vor 100 Jahren nur oberen Schichten vorbehalten war. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs waren viele Familien, vor allem in den Städten, mit Hunger und Armut konfrontiert. Zwei Ereignisse bildeten eine wichtige Zäsur – die Spanische Grippe ab dem Sommer und der Landesstreik im Spätherbst 1918. Wie wirkten sich diese im Kanton Solothurn aus? Wie war die Haltung der Kirche und des politischen Katholizismus dazu?

Zur Vorgeschichte
Ab 1830 bis zum Bankkrach von 1887 waren die Liberal-Radikalen im Kanton Solothurn alleinherrschend, danach bis 1917 und zwischen 1929 und 1941 in der absoluten Mehrheit. Der Druck auf die römisch-katholische Kirche war bis ins 20. Jahrhundert gross, da der freisinnige Staat auch in Kirchenfragen das letzte Wort haben wollte.
Gegenkräfte entwickelten sich in zwei Richtungen: 1869 wurde der Konservative Verein im Kanton gegründet, der sich ab 1880 Konservative Volkspartei nannte. Die Ziele: der Einsatz für die Rechte der Kirche, die Bekämpfung der staatlichen, d. h. freisinnigen Schulhoheit, die Erweiterung der Volksrechte, die Stärkung von Bauern, Gewerbe und Arbeiterstand. Aus dem linken Freisinn spaltete sich das 1883 gegründete Sozial­demokratische Komitee ab, das 1890 zur Solothurnischen Arbeiterpartei und 1916 zur Sozialdemokratischen Partei wurde.
Die Fronten waren ab und zu durchaus fliessend, wie etwa 1915 die Abstimmung über das kantonale Einführungsgesetz des eidg. Kranken- und Unfallgesetzes aufzeigt: Konservative und Rechtsfreisinnige wollten dieses «Spargesetz», damit möglichst wenige Kosten für den Staat anfielen. Den Linksfreisinnigen, Christlichsozialen und Sozialdemokraten erschien der Gesetzesvorschlag als ungenügend und unsozial; sie konnten die Vorlage zu Fall bringen und 1917 ein sozialeres Gesetz durchbringen.

Der Erste Weltkrieg in der Schweiz und im Kanton Solothurn
Zwar verlief im August 1914 die Mobilisierung von 240 000 Soldaten und 70 000 Pferden erfolgreich, aber die Schweiz war auf den Krieg weder militärisch noch wirtschaftlich vorbereitet. Die Umstellung auf die Kriegswirtschaft verlief unter grossen Schwierigkeiten, mit «Kriegsgewinnlern» wie etwa die Uhren-, Schuhindustrie (Bally) und Armeelieferanten (Motorwagenfabrik Berna in Olten) und weitaus mehr Verlierern: die Unterschichten, aber auch Teile der Mittelschicht, die wegen der erst 1917 etappenweise erfolgten Lebensmittelrationierung hungerten und infolge massivster Teuerung in Not gerieten. Besonders prekär war wegen fehlenden Gärten und Wohnungsnot die Situation in den Städten.
Der 1914 geschlossene Burgfrieden zerbrach relativ schnell. Streiks im Kanton Solothurn – seit 1900 sowieso sehr häufig – nahmen zu, ein Ausdruck grosser sozialer Spannungen, ja Not, der man mit Suppenküchen in den Städten und Notunterstützung durch die öffentliche Hand begegnete. 1917 wurde in Solothurn sogar ein Fürsorge­departement eingerichtet.

Die Spanische Grippe
Ab Frühling 1918 bis 1920 erkrankte mit ca. 500 Millionen Menschen ein Drittel der Weltbevölkerung an der Grippe. Sie brach wohl in Nordamerika und Frankreich aus, wurde aber Spanische Grippe genannt, weil das vom Krieg verschonte Spanien keine Zensur kannte und grossflächig darüber berichtet wurde. Die Virenkrankheit verbreitete sich wegen Unterernährung, engen Platzverhältnissen und ungenügender Hygiene sehr schnell. Weltweit starben 50 bis 100 Mio. Menschen, in der Schweiz gegen 25 000, im Kanton Solothurn etwas über 900. Da die Diagnose der Krankheit noch kaum möglich und die Zählung schwierig waren, sind diese Zahlen aber ungenau.

Der Landesstreik
Die Spanische Grippe und die wirtschaftlichen und sozialen Probleme mit den damit verbundenen Spannungen waren ein so explosives Gemisch, dass am Kriegsende ein Generalstreik ausbrach. Das am 4. Februar 1918 gegründete Oltener Aktionskomitee (OAK) als Koordinationsorgan aller linken Arbeiterorganisationen verhandelte ergebnislos über grundlegende Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur sozialen Absicherung mit dem Bundesrat. Die von General Ulrich Wille am 9. November 1918 angeordnete Truppenverlegung nach Zürich – zwei Tage später ging der Erste Weltkrieg zu Ende – führte zu einem eintägigen Proteststreik in 19 Städten, da­runter auch in Olten, Solothurn und Grenchen. Die Zürcher streikten gegen Willen des OAK weiter, so dass der Bundesrat den Kontakt abbrach und ein allgemeiner Landesstreik ausbrach. Der Streik verlief in Olten wegen einer klugen Deeskalationsstrategie von sämtlichen Seiten friedlich und in Solothurn ohne grössere Schäden. In Grenchen eskalierte dagegen die Situation, weil sowohl die Streikleitung wie auch das Militär aggressiv und überfordert waren. Grenchner Truppen wurden vom Solothurner Major Eugen Tatarinoff abgezogen, weil ihm der besonnene Hauptmann Theodor Schnider zu nachgiebig erschien. Unerfahrene Waadtländer Soldaten eröffneten das Feuer. Drei Männer, einer von vorne und zwei von hinten, wurden erschossen – keiner der drei gehörte dem Kern der Streikenden an, zwei wollten einfach Besorgungen erledigen. Der skandalöse Vorfall wurde nicht genau untersucht, und der reformierte Grenchner Pfarrer Ernst Hubacher, der an der Abdankung richtige Worte fand, aus dem Amt gedrängt. Die Folgen des Landesstreiks waren gravierend: Beschuldigungen, Bürgerwehren und ein vergiftetes politisches Klima, das sich 1919 in Wahlplakaten ausdrückte, die in ihrer Art heute wiederum abschrecken.

Die Rolle der Bischöfe
Während das Denken und Handeln der freisinnigen Staatspartei und der Sozialdemokratie im Kanton Solothurn relativ gut erforscht sind, ist die Geschichte der Katholisch-Konservativen und des Klerus noch kaum aufgearbeitet.
Vorläufig kann Folgendes festgehalten werden: Die Schweizer Bischöfe versuchten, sich aus der Politik herauszuhalten. Nachdem die Bischofswahl von 1906 die erste wirklich freie im neu umschriebenen Bistum Basel war, ging der früher in der katholischen Diaspora wirkende Bischof Jakob Stammler Konflikten mit den staatlichen Behörden aus dem Weg. Er unterstützte weder den Scharfmacher August Ackermann, der 1912 vom Solothurner Kantonsrat als Pfarrer von Welschenrohr abgesetzt wurde, noch liess er sich anderweitig vor den Karren spannen. Die Schweizer Bischöfe erkannten im Ersten Weltkrieg die Notsituation vieler und erliessen unter anderem 1917 ein Bettagsmandat, das sich gegen den Wucher mit Nahrungsmitteln aussprach. Der Einsatz gegen die soziale Not war eine Selbstverständlichkeit.
Als wegen der Spanischen Grippe zeitweilig Versammlungen und Gottesdienste verboten wurden, trugen die Bischöfe nach anfänglichem Murren die Massnahmen mit, riefen zu kurzen Gottesdiensten ohne Gesang auf und liessen praktische Hinweise veröffentlichen, wie in der Seelsorge Ansteckungsmöglichkeiten vermieden werden konnten.

Der Zwiespalt der katholisch-konservativen Volkspartei
Die Katholisch-Konservativen waren in einem Zwiespalt. Sie wollten aus Angst vor den «gottlosen Sozis» und vor einem revolutionären Umsturz nicht mit den Sozialdemokraten paktieren. Lästerungen einzelner Sozialisten gegen kirchliche Amtsträger, zum Beispiel in Sachen Zölibat, steigerten dieses Misstrauen noch mehr.
Die Katholisch-Konservativen waren, was Staatseingriffe und die Staatsschule betraf, auch misstrauisch gegenüber der freisinnigen Partei. Mit der 1887 erfolgten Wahl des ersten konservativen Regierungsrates und der 1908 erfolgten Zuwahl eines zweiten wurden die Konservativen in den Bürgerblock eingebunden und entwickelten sich zum Juniorpartner des Freisinns. Das verstärkte sich durch den Landesstreik 1918, wo Bürgerliche zum Teil einen gewalt­samen revolutionären Umsturz wie in Russland befürchteten. Heute wissen wir, dass das nicht das Ziel des Landesstreiks war. Insgesamt wurden die Kirche und die Volkspartei als Stützen des bürgerlichen Staates wahrgenommen.
Die konservative Volkspartei war kein einheitlicher Block. Die stärker werdenden Christlichsozialen kämpften mehr als der rechte Flügel gegen die soziale Not, setzten sich aber nicht in das Boot der Sozialdemokraten, sondern wollten und mussten auf Befehl der Kirche den katholischen dritten Weg gehen. 

 

Urban Fink-Wagner, Historiker und Theologe, ist Geschäftsführer der Inländischen Mission.

 

Volkskueche Kopie

Verpflegung in der «Volksküche im städtischen Konzertsaal (StA Olten, Fotosammlung).

 

Generalstreik 1918 Grenchen

Militäreinsatz gegen die Streikenden in Grenchen (Foto: Kulturhistorisches Museum Grenchen).

 

Bestattung 1918

Militärische Bestattung eines Grippeopfers 1918 in Olten (StA Olten, Fotosammlung).