Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

«Das grösste Ereignis der Weltgeschichte»

Im Jahr 2000 wurde in Freiburg in einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert das «Schweizerische Museum der grafischen Industrie und der Kommunikation», kurz Gutenberg-Museum, eröffnet. Hier stehen sowohl die Geschichte und Technik des Setzens, des Drucks, der Grafik und Buchbinderei als auch die Kommunikation mittels Sprache, Zeichen, Bild und Schrift im Mittelpunkt. Zudem ist das Gutenberg Museum ein Informationszentrum über deren Kulturgeschichte. 

www.gutenbergmuseum.ch 

 

von Reto Stampfli

Mit seinen beweglichen Lettern hat Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert den Buchdruck revolutioniert. Diese Entwicklung hat die neuzeitliche Kultur und Kommunikation fundamental verändert; sie war jedoch auch für die Verbreitung der Reformation von enormer Bedeutung. Das «Gutenbergjahr» 2018 fördert den Blick auf diese wegweisenden Ereignisse.

Für uns moderne Menschen ist es nichts Aussergewöhnliches, dass wir in grossen Mengen gedruckte Bücher und Zeitschriften erwerben können oder jeden Morgen eine nach frischer Druckerschwärze riechende Zeitung in unserem Briefkasten vorfinden. Diese Errungenschaften hätten wir heute vielleicht nicht, wenn es Johannes Gutenberg nicht gegeben hätte. Zwar wird das Wirken Gutenbergs nicht selten missverstanden, denn er hat keinesfalls den Buchdruck an sich erfunden – ein Verfahren, das seit dem Altertum bekannt war – er hat jedoch eine Umsetzung bewirkt, die über Jahrhunderte kulturelle, soziale und auch religiöse Folgen zeigen sollte. 
Und so ist Gutenbergs Name ein schimmernder Begriff in der europäischen Historie; über seine Vita ist jedoch recht wenig bekannt. Um das Jahr 1400 wurde Johannes Gutenberg als Sohn eines Kaufmanns in Mainz geboren. Nach dem Tod seines Vaters zog Gutenberg, dessen eigentlicher Name Johannes Gensfleisch war, nach Strassburg um. Dort begann vermutlich dann die Entwicklung einer gut umsetzbaren Methode zur Vervielfältigung von Schriftstücken. Sein Todeszeitpunkt ist ebenfalls umstritten und so könnte es durchaus sein, dass die Forschung auf noch unbekannte Dokumente stossen wird, wodurch Todesjahr und -tag geändert werden müssten. Doch bis dahin gilt: 2018 ist das 550. Todesjahr des Erfinders des Drucks mit beweglichen Lettern. 

Ein neues Zeitalter
Bücher sind im Mittelalter ein wahrer Luxus. Mönche schrieben sie in stundenlanger Arbeit ab und verzierten sie opulent. Sowohl Material als auch Aufwand waren kostspielig und Zugang dazu hatte lediglich die damalige Bildungselite. In diesem aufwendigen Prozess wurden oft von Schreibern eigenmächtige Veränderungen an den Texten vorgenommen. Um 1450 begann Gutenberg in Strassburg mit dem Druck seiner ersten Schriftstücke. Quasi als Anstossfinanzierung stellte er kleine Werke wie Ablassbriefe oder Kalender her. Sein eigentliches Vorhaben war jedoch nichts Geringeres, als Kopien der Heiligen Schrift in beliebiger Zahl zu produzieren. Dazu reichte sein bescheidener Verdienst nicht aus und er sah sich gezwungen, eine grosse Summe Geld aufzunehmen, was ihn schlussendlich finanziell ruinierte. Sein Geldgeber verklagte ihn und Gutenberg musste ihm seine Werkstatt überlassen. Zusammen mit Gutenbergs Gehilfen stellte dieser dann die Bibeln fertig und brachte sie auf den Markt. Somit ging der innovative Gutenberg also leer aus bei seiner folgenreichen Erfindung, die einmal die Welt verändern sollte. 
Sein Geniestreich hatte jedoch grössere Auswirkungen, als Gutenberg es sich wohl jemals erhofft hätte. Man war jetzt in der Lage, identische Abzüge eines Textes in grossen Mengen anzufertigen und sie ungewohnt rasch in Umlauf zu bringen. Dadurch wurde es für die Menschen besser möglich, richtig lesen zu lernen und sich zu bilden. Das gemeine Volk musste nun nicht mehr vorbehaltlos alles glauben, was die Gelehrten und die Kirche ihnen erzählten, sondern sie konnten sich zunehmend eine eigene Meinung bilden. Gutenbergs Erfindung war also weit mehr als nur eine technische Errungenschaft; sie war der eigentliche Beginn eines Medienzeitalters.

Die Gutenberg-Galaxis
Der Begriff «Gutenberg-Galaxis» stammt vom kanadischen Geisteswissenschaftler Marshall McLuhan (1911 – 1980) und beschreibt eine Welt, in der das Buch zum Leitmedium geworden ist. Auf Gutenbergs Wirken folgten Jahrhunderte, in denen Bildung und Wissen Europas Geschichte fundamental veränderten. Zu Martin Luthers Zeiten forderten die Menschen eine Bibel, die auch sie lesen und verstehen konnten, die Renaissance brachte einige der grössten Genies der Menschheitsgeschichte hervor, das mittelalterliche Denken wurde nach und nach durch den beginnenden Siegeszug der Wissenschaften abgelöst. Nach McLuhans Theorie wird die Gutenberg-Galaxis durch die Entwicklung elektronischer Medien und deren weltweiter Vernetzung obsolet werden. Obwohl McLuhan seine Theorie bereits im Jahr 1962 veröffentlichte – Jahrzehnte vor dem Internet – treffen seine Prognosen heute voll und ganz ins Schwarze. 

Buchdruck und Christentum
Interessant ist, dass keineswegs alle christlichen Kirchen in gleicher Weise an der Entstehung und Verbreitung des Buchdrucks beteiligt waren. Nach der Reformation setzt sich die begonnene Entwicklung vor allem in den neuen Konfessionen fort, eindeutig mehr als in der römisch-katholischen Kirche; im ganzen Kulturraum der Westkirche jedoch mit hoher Dynamik. In der Ostkirche hingegen fehlt im ausgehenden Mittelalter jeder Ansatz eines Druckwesens. Einen wichtigen Einfluss hatte das Predigtwesen, das nirgendwo in der spätmittelalterlichen Christenheit so hoch entwickelt war wie in der Westkirche. So lässt sich hier ein erstaunlicher Übergang von der Massenkommunikation durch das Wort über Massenkommunikation durch das Bild zur Massenkommunikation durch das Buch feststellen. Der europäische Buchdruck hat seine religiöse Wurzel in dieser Tradition. 
Der Reformator Martin Luther (1483 – 1546) lebte in dieser Zeit des Umbruchs. Die Reformbewegungen innerhalb der Kirche ging Hand in Hand mit den neuen technischen Innovationen, insbesondere im Buchdruck, was Luther in seinen bekannten Tischreden zur vollmundigen Aussage veranlasste: «Die hohen Wohltaten der Buchdruckerei sind mit Worten  nicht auszusprechen. Durch sie wird die Heilige Schrift in allen Zungen und Sprachen eröffnet und ausgebreitet, durch sie werden alle Künste und Wissenschaften erhalten, gemehrt und auf unsere Nachkommen fortgepflanzt.»
Für die Verbreitung der Heiligen Schrift kam die Erfindung von Johannes Gutenberg gerade recht. Sechs Schriftsetzer und zwölf Drucker sowie weiteres Hilfspersonal arbeiteten fast drei Jahre am Druck der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Für den normalen Bürger war sie unbezahlbar. Von den geschätzten 200 Exemplaren sind heute noch 49, teils als Fragmente, erhalten. 
Es entstanden jedoch bereits vor Martin Luther deutsche Bibelübersetzungen. Das älteste Exemplar stammt aus dem Jahr 1466. Die vorlutherischen Bibelübersetzungen wirkten noch sehr ungelenk. Martin Luther orientierte sich bei seinem Vorgehen zusätzlich zu dem lateinischen Bibeltext auch an den hebräischen und griechischen Grundtexten. Seine Schriften machten fast einen Drittel der deutschsprachigen Buchproduktion in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus. Dieser enorme Erfolg verleitete viele andere Autoren dazu, das so genannte «Luther-Deutsch» in ihren Schriften zu verwenden. Die Reformation, der Buchdruck und Martin Luther hatten somit einen wichtigen Anteil an der Entstehung einer hochdeutschen Schriftsprache.
Der französische Dichter Victor Hugo bezeichnete Gutenbergs Erfindung euphorisch als «das grösste Ereignis der Weltgeschichte»; ein Superlativ, den man bezweifeln kann – zweifellos setzte jedoch Gutenbergs Schaffen eine epochale Entwicklung in Gang, die erst in unserer Zeit eine Umgestaltung erfährt.