Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Zeitumstellung

Am kommenden Sonntag ist es wieder soweit, wir müssen die Uhren auf Winterzeit umstellen. Doch in den Ländern Europas wird diskutiert, ob man diese halbjährliche Zeitumstellung nicht aufgeben soll. Eine grosse Mehrheit wünscht sich die Sommerzeit für das ganze Jahr, weil sie ihrer Lebensgestaltung besser entspricht. Eine Minderheit möchte zurück zur früheren immerwährenden Winterzeit und einigen ist es egal. 

Eine Art «Zeitumstellung» steht auch in der Kirche an. Missbrauchsskandale, Personalmangel und Bedeutungsverlust erschüttern sie bis in die Grundfeste. Doch wie die Umstellung erfolgen soll, wird ähnlich unterschiedlich beurteilt. Papst Franziskus sieht das Grundproblem im «Klerikalismus», der zurzeit breit diskutiert wird. Die Betonung von patriarchalen Standesunterschieden und geistlicher Macht führe bei manchen Klerikern zu einer Haltung der Unberührbarkeit, der Erhabenheit und der Abwertung anderer. Um das Image der von Klerikern geleiteten Kirche zu schützen, werden Kritiken und Probleme unterdrückt, ausgegrenzt oder vertuscht, anstatt sie offenzulegen. Von seinem schlichten Wohnsitz im Gästehaus Santa Marta aus kritisiert Franziskus die Machtansprüche und den Reichtum mancher Kirchenfürsten und hat sich viele von ihnen zu Gegnern gemacht.

Das Amts- und Leitungsverständnis der Kirche lehnt sich immer noch stark an monarchische Vorstellungen an. Mit neuzeitlichen Errungenschaften wie der Gewaltenteilung, rechtsstaatlichen Prinzipien und der Beteiligung aller (Männer und Frauen aller Orientierungen) könnte dem Klerikalismus ein Stück weit begegnet werden. Seit dem 2. Vatikanischen Konzil werden neue Ansätze zum Amts- und Kirchenverständnis theologisch reflektiert und begründet. Viele Grundlagen für eine «Zeitumstellung» liegen seit Jahren bereit und vieles wird an der Basis schon umgesetzt. Ob «Sommer- oder Winterzeit» entscheidet sich für die Kirche an ihrer zukünftigen Sozialgestalt und ihrem Amtsverständnis. Aber nicht nur die Kirche, auch wir selber sind in manchen persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Lebensbereichen immer wieder von «Zeitumstellungen» herausgefordert. 

Ich wünsche Ihnen Mut und Zuversicht, um die Zeit immer wieder neu einzustellen und gut zu gestalten. 

 

Kuno Schmid