Aktuelle Nummer 24 | 2018
11. November 2018 bis 24. November 2018

Schwerpunkt

NAHE SEIN BIS ZULETZT

Adressen im Kanton Solothurn


Palliative Care Solothurn www.palliative-so.ch

Kantonale Fachstelle Diakonie und soziale Arbeit www.fadiso.ch 

Schweizerisches Rotes Kreuz – Kanton Solothurn www.srk-solothurn.ch 

Pro Senectute Kanton Solothurn www.so.prosenectute.ch 

 

Die ökumenische Arbeitsgruppe Palliative Care und Kirchen im Kanton Solothurn erarbeitet zurzeit eine Wegleitung zum Thema Palliative Care für Kirchgemeinden und Pfarreien.

von Urs Winter-Pfändler

Die Begleitung eines schwer kranken Menschen ist für Angehörige und Freunde oft mit vielen Fragen und Herausforderungen verbunden. Es geht um Fragen der täglichen Pflege, der Sterbebegleitung, aber auch um die eigene Trauer. Dabei müssen pflegende Angehörige sich selbst Sorge tragen und bei Bedarf um Unterstützung nachfragen können. 

Sterben und Tod in der Schweiz
Im Jahr 2017 starben gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) 67 000 Menschen in der Schweiz. Aufgrund der älter werdenden Bevölkerung rechnet das BFS damit, dass diese Zahl bis zum Jahr 2050 um ca. 50 Prozent auf 90 000 Todesfälle pro Jahr steigen wird. Zudem haben sich die Todesursachen gegenüber früher verändert: Während Todesfälle aufgrund von Infektionserkrankungen durch die Entdeckung der Antibiotika massiv eingedämmt werden konnten, sterben die Menschen heute insbesondere an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Krebserkrankungen und Demenz. Diese Umstände verändern die Anforderungen an pflegende Angehörige. So kann sich die letzte Lebensphase und das Sterben auf mehrere Monate bis Jahre ausdehnen, was die Betreuungszeit gegenüber früheren Zeiten verlängert. Während am Anfang einer Erkrankung nur leichte Hilfestellungen notwendig sind, steigt der Pflege- und Betreuungsaufwand mit dem Fortschreiten chronisch-degenerativer Krankheiten enorm an und Angehörige sind manchmal Tag und Nacht gefordert. 

Die Situation von pflegenden Angehörigen
Rund 330 000 Menschen betreuen und pflegen in der Schweiz freiwillig nahestehende Menschen. Diese beeindruckende Zahl entspricht über 80 Prozent aller Care-Leistungen. Rund ein Fünftel der Betreuungsleistungen wird gegenwärtig durch das professionelle Gesundheitssystem erbracht. Pflegende Angehörige sind vorwiegend weiblich. Auch wenn sich Männer in jüngerer Zeit vermehrt engagieren, ist statistisch gesehen die Chance, dass man dereinst von der Tochter betreut oder gepflegt wird, einige Mal grösser als vom Sohn. Söhne kümmern sich eher um administrative oder Finanzangelegenheiten oder machen Behördengänge. Das Zuhören, das Dasein, die Hilfe beim aufs WC-Gehen oder Duschen, beim Einkaufen und Zubereiten des Essens übernehmen in vielen Fällen Frauen. Hinzu kommt, dass Frauen häufiger etwas jünger sind als ihre Männer und eine höhere Lebenserwartung haben. Diese Situation führt mitunter dazu, dass Frauen ihre Männer pflegen und dann – wenn sie selbst auf Pflege angewiesen sind – möglicherweise allein dastehen. 

Schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen – eine vergessene Bevölkerungsgruppe
Viele von uns kommen nur sehr selten mit dem Sterben oder dem Tod in Berührung. Das liegt eventuell daran, dass die meisten Menschen im Alters- oder Pflegeheim oder im Spital sterben. Dazu kommt, dass das Sterben und der Tod nicht mit unseren gesellschaftlichen Leitwerten zusammenpassen, die da lauten: Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, Leistungsbereitschaft oder Jugendlichkeit. Eine schwere Krankheit steht diesen Werten geradezu diametral entgegen. Denn eine schwere Krankheit fragt uns nicht, ob wir sie wollen oder nicht, wir sind ihr ausgeliefert. Sie zeigt uns, dass wir unser Leben nicht «im Griff» haben und dass das Leben auch unbarmherzig, gnadenlos und unbestimmbar ist. Zudem ist eine schwere Krankheit weder sauber noch schön. All diese Umstände führen wohl dazu, dass die öffentliche Anerkennung der (zunehmenden) Bedeutung der Betreuungs- und Pflegeleistung am Lebensende kaum gerecht wird. Während Themen wie Übergewicht, Sportanimation, Tabak- und Alkoholprävention die öffentliche Public-Health-Diskussion prägen, kommen Menschen am Lebens­ende, ihr Umfeld und ihre Fragen nur spärlich in den Fokus einer breiteren öffentlichen Debatte. 

(Pflegende) Angehörige vermehrt in den Mittelpunkt stellen
Pflegende Angehörige werden in Zukunft aber immer wichtiger: Ohne sie wird es kaum möglich sein, dem Wunsch der meisten Menschen Rechnung zu tragen, zu Hause zu sterben. Ohne die Angehörigen wird das Gesundheitssystem zukünftig angesichts der älter werdenden Bevölkerung sowohl finanziell als auch personalmässig wohl definitiv an seine Grenzen stossen. Ein vermehrtes Ernst- und Wahrnehmen der Bedürfnisse von (pflegenden) Angehörigen ist daher angezeigt: Sei dies auf der individuellen Ebene durch genügend Informations-, Beratungs- und Ausbildungsangebote, wie sie beispielsweise das Rote Kreuz oder die Pro Senectute in der Schweiz anbieten. Diese Angebote können Angehörige unterstützen, die Situation anzunehmen und sich selbst Sorge zu tragen. Genauso wichtig sind jedoch auch der Ausbau von Entlastungsstrukturen für Angehörige (z. B. die Unterstützung durch Freiwilligennetzwerke oder das Angebot von Ferienbetten in Pflegeeinrichtungen) als auch gesetzliche Regelungen, welche die Verträglichkeit zwischen Erwerbs- und Betreuungsarbeit (Work-Care-Modelle) verbessern. Hierzu könnte beispielsweise die Gesetzeslage so angepasst werden, dass sich pflegende erwerbstätige Angehörige von ihrer Erwerbsarbeit dispensieren lassen können und ihnen ein Taggeld entrichtet wird (ähnlich wie beim Mutterschafts­urlaub). Wir sind als Nachbarn, Freunde, Kolleginnen, aber auch als Gesellschaft gefordert, Unterstützung und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Betreuung eines schwer kranken Menschen für Angehörige zu einer bereichernden Lebenserfahrung wird, wie folgender Betroffene berichtet: «Mich um meine Frau zu kümmern war die anspruchsvollste und lohnendste Erfahrung meines Lebens. Ich fühlte mich privilegiert, dass ich ihr helfen und sie in ihrer Krankheit unterstützen konnte, bis sie starb. Mein Leben wird nie mehr dasselbe sein, aber ich habe so viel über mich selbst, meine Frau und das Leben im Allgemeinen gelernt.»    

 

Literaturhinweis: Winter-Pfändler, Urs; Nahe sein bis zuletzt. Ein Ratgeber für (pflegende) Angehörige und Freunde, Edition SPI, St. Gallen 20184, ISBN 978-3-906018-13-3. Der Ratgeber kann kostenlos bestellt werden unter www.nahesein.ch
Urs Winter-Pfändler, geboren 1972, Dr. theol., Dr. phil., Theologe und Psychologe, ist wissenschaftlicher Projektleiter am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) in St. Gallen.