Aktuelle Nummer 26 | 2018
09. Dezember 2018 bis 22. Dezember 2018

Editorial

Minderheiten

Der schreckliche Anschlag auf die Synagoge von Pittsburgh hat weltweit schockiert. Einmütig wurde den Opfern Solidarität zugesagt und der Hass auf Juden verurteilt. Trotzdem fühlt sich die jüdische Minderheit selbst in der Schweiz zunehmend unsicher und bedroht. Die Statistiken zeigen hier wie anderswo eine alarmierende Zunahme von antisemitischen und rassistischen Übergriffen. Nicht nur an den Stammtischen werden fremdenfeindliche Sprüche geklopft. Politiker, die sich diskriminierend über Minderheiten äussern, werden toleriert, Verhöhnung, Ausgrenzung und Respektlosigkeit werden salonfähig. Noch sind wir weit entfernt von den Ereignissen vor 80 Jahren, denen es zu gedenken gilt. In der sogenannten «Reichskristallnacht» wurden am 9. November 1938 auf Befehl der nazideutschen Behörden alle 1400 Synagogen und Tausende jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe in ganz Deutschland zerstört. Die Pogromnacht war das Fanal, der Auftakt für eine Entwicklung, die Millionen Bürgerinnen und Bürger der jüdischen und anderer Minderheiten in die Vernichtungslager und die Welt in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges führte. Eine Partei ist an die Macht gekommen, die mit nationalistischen und rassistischen Parolen gepunktet hatte. Ihr Führer wurde auf demokratischem Weg zum Reichskanzler gewählt, und das Volk jubelte ihm zu. Das wirft auch einen Schatten auf eine Idealisierung der Demokratie. Sie ist zwar die beste aller möglichen Staatsformen. Allein ist sie aber kein Garant für das Wohl und die Freiheit aller Bürgerinnen und Bürger, insbesondere nicht für die Minderheiten. Deshalb hat die Schweiz zusätzlich zur Abstimmungsdemokratie einen Rahmen, der uns rechtsstaatliche Prinzipien und von der Politik unabhängige Gerichte zusichert. Und selbst die Bundesverfassung ist sich des noch grösseren Rahmens bewusst, indem sie sich auf das Völkerrecht und die Menschenrechte bezieht und Gott in der Präambel anruft. Wenn wir also der Menschen gedenken, die damals oder heute aus politischen, ethnischen oder religiösen Gründen verfolgt und ermordet wurden, gilt es immer gleichzeitig auch Sorge zu tragen zu unserem ausbalancierten Rahmen für ein friedliches Zusammenleben. 

Ich wünsche Ihnen zuversichtliche Novembertage, auch wenn Sie mal in der Minderheit sind.

Kuno Schmid