Aktuelle Nummer 24 | 2018
11. November 2018 bis 24. November 2018

Focus

Trauer sucht Aufmerksamkeit

Wir leben in einer lauten, hektischen Zeit, in der Begegnungen oft oberflächlich sind und Gefühle unterdrückt werden, in der zunehmend alles professionalisiert wird und die Vereinsamung insbesondere älterer Menschen zunimmt. Da überrascht es nicht, dass uns eine Sorgekultur im Umgang mit Sterben oder Trauer fehlt, dass wir keine Zeit dafür haben. Ich versuche, mir Zeit zu nehmen und die Zeit als Geschenk zu sehen – die Zeit des Zuhörens bei einem Kaffee, bei einem Spaziergang, an einem Kranken- oder Sterbebett. Von Mensch zu Mensch da zu sein, ist eine wertvolle Erfahrung. Manchmal stösst man an Grenzen, man begegnet den eigenen Gefühlen oder muss stumm Stille und Schmerz mitaushalten. Diese Momente schaffen aber vor allem zwischenmenschliche Wärme, vermitteln Halt, schenken Geborgenheit und signalisieren meinem Gegenüber: «Ich sehe dich! Ich nehme dich wahr mit allem, was dich bewegt! Ich gehe mitfühlend und bedingungslos an deiner Seite mit dir! Ich spreche für dich, wenn du es nicht mehr kannst!» Es ist das, was Jesus uns zugesagt, vorgelebt und sich dafür eingesetzt hat. Und wir sind eingeladen, es ihm gleich zu tun, damit verweinte Augen wieder leuchten, damit verschlossene Herzen sich ihrer Gefühle bewusst werden und neue Lebenskraft erblüht, damit Altes losgelassen und Unerledigtes aufgearbeitet werden kann und damit für neue Träume Raum geschaffen wird. Dann werden wir zu «menschlichen Engeln» und beteiligen uns am Auftrag, Menschen in Krisen und Not zu begleiten.