Aktuelle Nummer 26 | 2018
09. Dezember 2018 bis 22. Dezember 2018

Editorial

#Kulturerbe 2018

«In letzter Zeit höre ich von Freunden und Bekannten immer öfters, dass sie aus der Kirche ausgetreten sind …» So begann eine Zeitungskolumne mit dem Titel «Ich bleibe». Viele andere bleiben auch, obschon manche die Kritik an den Kirchen teilen. Laut einer Nationalfondsstudie nutzt ein Drittel der Christinnen und Christen pfarreiliche und spirituelle Angebote. Zwei Drittel haben hingegen ein distanziertes Verhältnis zur Institution Kirche. Sie bleiben jedoch, weil sie das soziale Engagement der Kirchen für die Benachteiligten und Schwachen in unserer Gesellschaft als bedeutsam erachten, und weil sie ihre kulturellen Leistungen in Geschichte und Gegenwart anerkennen. Dieses Kulturgut wird erlebbar in Erzählungen und Brauchtum, die den Jahreslauf sinnstiftend prägen, oder in geistlichen Konzerten, in Kunst und Architektur. Das kulturelle Erbe reicht zwar über das Sakrale hinaus, ist jedoch bis heute massgebend vom Christentum geprägt. Landauf und landab sind es Kirchtürme und religiöse Gebäude, welche die Silhouetten von Dörfern und dem öffentlichen Raum prägen. In Städten wie Solothurn kann man gar von einer Sakraltopo­grafie sprechen. Die Kultur bildet so etwas wie Heimat und prägt unsere Identität. Darauf will das europäische Gedenkjahr für das Kulturerbe aufmerksam machen.
Es fordert auf, hinzuhören und hinzuschauen, und damit auch die verbindenden europäischen Werte zu bedenken. Mit dem Gedenkjahr soll dafür sensibilisiert werden, dass dieses Kulturerbe erhalten werden soll, weil es Zeuge einer gemeinsamen Geschichte und Fundament für eine gemeinsame Zukunft ist. Wenn der Kreis jener, die dafür Steuern bezahlen, immer kleiner wird, sind diese kulturellen Leistungen der Kirchen für die Zukunft gefährdet. Schon deshalb lohnt es sich, dabeizubleiben. Aber es geht noch um mehr: Kulturgüter, auch immaterielle wie «Advent» und «Weihnachten», würden ihre Bedeutung und Kraft verlieren, wenn nicht jemand die dahinterliegende Botschaft verkünden, zum gemeinsamen Feiern einladen und zu tätiger Nächstenliebe aufrufen würde.  

Ich wünsche Ihnen aufmerksames Hinschauen und Hinhören – auch auf das, was dahinter liegt.

Kuno Schmid