Aktuelle Nummer 26 | 2018
09. Dezember 2018 bis 22. Dezember 2018

Editorial

«Göttliche Ordnung»

In diesen Tagen erlebt die Schweiz die Wahl von vielleicht gleich zwei Frauen in den Bundesrat. Das wäre ein verheissungsvoller Abschluss für das Jubiläum 100 Jahre Frauenstimmrecht. Dieses Jubiläum gilt zwar nicht für die Schweiz, aber für zahlreiche europäische Staaten wie die Nachbarländer Deutschland und Österreich oder Grossbritannien, Polen und Russland. In der Schweiz wurde das Frauenstimmrecht 1918 im Rahmen des Generalstreiks ebenfalls gefordert. Die Schweizer Frauen mussten jedoch noch bis 1971 weiterkämpfen, bis sie auf Bundesebene abstimmen durften. So lange bestand hier die «göttliche Ordnung», wie sie im gleichnamigen Film genannt wurde. Der Filmtitel ist keineswegs falsch, denn auch kirchliche Autoritäten verteidigten die patriarchalen Vorrechte der Männer und untermauerten sie mit theologischen Argumenten. Doch ab 1990 mussten selbst die Appenzeller ihren Widerstand aufgeben und die Frauen politisch und zunehmend auch gesellschaftlich gleichberechtigt beteiligen. Seither steht die Kirche in dieser Frage etwas einsam da, gefangen in einer Theologie, die diese «göttliche Ordnung» legitimiert. Sie scheint unverrückbar, insbesondere wenn es um Weihe, Entscheidungsgewalt oder die Rolle der Frau geht. Lohnt sich da ein Engagement gegen innerkirchliche Diskriminierungen überhaupt? Kann dem verbreiteten Frust noch etwas entgegengesetzt werden? Vielleicht hilft ein adventlicher Blick auf Maria, die ihre Sicht von einer «göttlichen Ordnung» im Magnifikat bekennt. Als unverheiratete, schwangere Frau steht sie mutig hin und singt ihren gläubigen und sozialkritischen Lobpreis. Sie vertraut auf die Güte und Unterstützung Gottes, der Mächtige stürzen lässt und den Benachteiligten zu ihrem Recht verhilft. Dass die Beteiligung der Frauen in der Leitung der Kirche eine Frage der Gerechtigkeit sei, erkannte die kürzlich in Rom tagende Bischofssynode. Ermutigend ist auch die junge Theologin Jacqueline Straub, die sich seit ihrer Jugend zur katholischen Priesterin berufen fühlt. Sie wurde vom britischen Sender BBC als eine der zehn weltweit «inspirierenden und einflussreichen» Frauen für das Jahr 2018 ausgezeichnet. 

Ich wünsche Ihnen inspirierende Adventstage in Erwartung einer immer wieder neu werdenden göttlichen Ordnung.  

 

Kuno Schmid