Aktuelle Nummer 8 | 2019
14. April 2019 bis 27. April 2019

Schwerpunkt

Zwingli-Jahr 2019

von Kuno Schmid

Im Januar 1519 trat Huldrych Zwingli die Stelle als Leutpriester am Grossmünster in Zürich an. Vorher war er Pfarrer in Glarus und Einsiedeln. Seine Predigten zeugten von humanistischer Bildung und nannten Missstände in Politik und Kirche markant beim Namen. Deshalb holte ihn der Zürcher Rat an die Limmat und leitete mit ihm Reformen ein, die nicht nur die Schweiz nachhaltig veränderten, sondern auch eine eigene reformatorische Tradition hervorbrachten – die reformierte Kirche. 

 

«Immer diese Zwinglis» 
Wie sollen diese Reformen des 16. Jahrhunderts heute zur Sprache gebracht werden? Diese Frage haben sich Stadt, Kanton und Landeskirche Zürich gestellt und den Animationsfilm «Immer diese Zwinglis!» geschaffen. Mit diesem Film sollen Zugänge für Schülerinnen und Schüler sowohl im schulischen als auch im kirchlichen Unterricht möglich werden. Hauptdarsteller in der Filmstory sind die Kinder Zwinglis. Nach seinem Tod 1531 auf dem Schlachtfeld von Kappel wurden Regula, Wilhelm und Ueli Halbwaisen und lebten mit ihrer Mutter in Zürich. In verschiedenen Situationen werden sie auf ihren Vater angesprochen und wollen deshalb mehr über das Leben und Wirken ihres Vaters wissen. Der Film beginnt mit einer Situation, die Kinder gut kennen: Sie sitzen in einem Gottesdienst und finden es langweilig. Sie beginnen zu schwatzen. Die älteren Geschwister behaupten, ihr Vater hätte spannendere Predigten gehalten. Sie werden von Erwachsenen ermahnt und flugs wegen unangemessenem Verhalten aus der Kirche geworfen. «Immer diese Zwinglis!»

Arbeitsethos statt Söldnerwesen
«Aber was machte die Predigten des Vaters so interessant?», wollte Ueli, der Jüngste, wissen. Zwingli hätte von den Schrecken des Krieges erzählt, von seinen Erfahrungen in der Schlacht von Marignano und forderte ein Ende des Kriegsdienstes für fremde Herren. Er hatte 1515 die Glarner Söldner als Feldprediger begleitet, die auf der Seite des Papstes kämpften. Sie verloren die Schlacht gegen die Franzosen, in deren Dienst ebenfalls Schweizer Söldner standen. Das Vermitteln von Söldnern an europäische Fürsten war ein lukratives Geschäft. Es stellte eine beträchtliche Einnahmequelle für die Kantone dar. Die Debatte war ähnlich engagiert wie heute, wenn es um Kriegsmaterialexporte geht. Zwingli konnte den Zürcher Rat überzeugen, Zürich erneuerte als einziger eidgenössischer Ort die Söldnerverträge nicht mehr. Stattdessen setzte der Rat auf eine Förderung von Handwerk und Handel. Die Arbeit soll nicht mehr notwendiges Übel, sondern als wahrer Gottesdienst der Christen gelten. Arbeit statt Feiertage, und auch das kirchliche Zinsverbot wurde aufgehoben – ein erstes Bekenntnis zu einer Art Marktwirtschaft und zu einer Entwicklung, die sich langfristig für Zürich als Wirtschafts- und Finanzplatz positiv auswirken wird. 

Es geht um mehr als um die Wurst 
Damit stellte sich der Stadtrat der kirch­lichen Ordnung und den kirchlichen Geschäftsmodellen entgegen. Im lutherischen Deutschland war es der Ablasshandel, der als missbräuchliche kirchliche Geldbeschaffung kritisiert wurde. In Zürich führte ein Wurstessen in der Fastenzeit zum Konflikt. Im Mittelpunkt stand nicht nur die Verletzung des Fastengebotes, sondern die Frage, warum sich die reichen Leute Fast-Dispensen kaufen konnten und nur die Armen fasten mussten. Die Zwingli-Kinder werden im Film denn auch als «Wurstfresser» gehänselt. Zwingli war der kirchliche Berater des Stadtrates und er vertrat die Auffassung, dass nur Gebote durchgesetzt werden sollen, die sich mit der Bibel begründen lassen. Abzuschaffen seien liturgische Formen und Geräte, Bilder- und Heiligenverehrung, Pilgerfahrten und Priesterzölibat, aber auch die adelig-feudale Herrschaftsordnung. Das kam dem Stadtrat nicht ungelegen, war er doch bestrebt, seineUnabhängigkeit von Adel, Bischof und Reich zu festigen. 

Kirchgemeinden und duales System
Mit der Verdrängung des feudalen Adels in der Eidgenossenschaft des Spätmittelalters hatten sich die kirchlichen Verhältnisse bereits vor der Reformation verändert. Die Rechte und Pflichten gegenüber der Kirche gingen an die Räte der Städte über. In den Länderorten bildeten sich Kirchgenossenschaften, welche die Patronatsrechte übernahmen, den Ortspriester wählten und für den Unterhalt von Pfarrer und Pfarrkirche sorgten. Das nun reformierte Zürich entschied sich, eine christliche Stadt zu werden, deren Stadtrat sowohl die weltlichen als auch die geistlichen Dinge regelte. Eine bischöfliche Aufsicht brauche es nicht mehr. In den katholischen Gebieten bildete sich das «Duale System» heraus, das bis heute weiterbesteht. Aus den Kirchgenossenschaften wurden Kirchgemeinden, die ihre hergebrachten Rechte und Pflichten gegenüber der Kirche wahrten und die Zuständigkeiten der Bischöfe und Priester in geistlichen Angelegenheiten respektierten. 

Einheit und Vielfalt
Weitere Fragen quälen die Zwingli-Kinder: Warum hat ihr Vater der Vertreibung der Täufer und der Hinrichtung von Felix Manz zugestimmt? Warum hat er selbst zu den Waffen gegen die Katholischen gegriffen, wenn er doch gegen Kriegsdienst war? Die Reformen haben in Zürich rasch einen allgemeinen Aufbruch ausgelöst. Das erneuerte Christsein passte besser in die Zeit, in welcher neue Kontinente entdeckt wurden, in der der Buchdruck Informationen aus ganz Europa zugänglich machte und sich neue Möglichkeiten in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik eröffneten. Die religiöse Bewegung wurde auch in anderen Schweizer Städten begeistert aufgenommen. Basel, Bern, Schaffhausen, St. Gallen und Genf schlossen sich der Reformation an. Andere Gebiete blieben jedoch bei der hergebrachten Form des Glaubens. Der bäuerlichen Landbevölkerung und den Täufern ging alles viel zu langsam. Sie forderten radikalere Reformen, die auch die Gleichstellung der Landbevölkerung beinhalteten. Weil Zwingli und der Zürcher Rat ihre Reformen und ihre Macht gefährdet sahen, wählten sie den Weg der Gewalt. Er brachte aber die Einheit auch nicht zurück. Man einigte sich im Kappeler Landfrieden darauf, zwei christliche Bekenntnisse nebeneinander zu dulden. 

Armen- und Bildungswesen 
Nicht nur in der Kirche, auch in der Schule wurden die Zwinglis vor die Türe gestellt. Sie setzten sich lautstark für ein Kind aus armen Verhältnissen ein, das von anderen Kindern gemobbt wurde. Für die Zwingli-Kinder war dies eine Pflicht, denn ihr Vater wollte doch den Schulunterricht allen Kindern, auch den armen ermöglichen. Zwingli hatte den Zürcher Rat angehalten, die Fürsorge für die Armen und Kranken sowie das Bildungswesen neu zu regeln. Bisher hatten die Klöster sich um die Bettler gekümmert und Schulen für ausgewählte Kinder geführt. Der Zürcher Rat hob auf Empfehlung Zwinglis die Klöster auf und setzte deren Besitz zugunsten des Armen- und Bildungswesens neu ein. Im Dominikanerkloster wurde eine städtische Armenküche, der «Mushafen», eingerichtet und Bedürftigen eine warme Mahlzeit verabreicht. Den verarmten Kindern wurden kostenloser Schulbesuch und eine Handwerkerausbildung ermöglicht, damit sie sich aus der Armut heraus entwickeln konnten. Lesen können war in der Zeit der gedruckten Flugblätter und Zeitschriften zur Schlüsselkompetenz geworden. 

Die Zürcher Bibel 
«Platz machen für das Wort Gottes» könnte das Motto von Zwingli für seine Reformen genannt werden. Durch die Schrift spricht Gott direkt zu jedem Gläubigen und ruft ihn zum Glauben. Es brauche keine Vermittlung durch die Kirche und deren Einrichtungen und Heilsmittel. Die Pfarrer erhielten als Verkünder des Wort Gottes ein neues Berufsprofil. Ihre Predigt sollte auf genauem Verständnis der biblischen Texte beruhen und diese lebenspraktisch auslegen können. Um sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten, wurde am Grossmünster eine eigene Pfarrerschule, die «Prophezei» gegründet. Aus ihr hat sich die Zürcher Theologische Fakultät entwickelt. Damit die Bibel allen Gläubigen zugänglich wurde, arbeitete Zwingli an einer deutschen Bibelausgabe. Sie sollte sich möglichst genau an die hebräischen und griechischen Urtexte halten. 1531 konnte die «Zürcher Bibel» als erste vollständige deutsche Bibelübersetzung gedruckt und herausgegeben werden. Sie ist bis heute neben der Lutherbibel und der katholischen Einheitsübersetzung eine bedeutende Referenzausgabe geblieben und wurde 2007 letztmals revidiert.  

www.immerdiesezwinglis.ch