Aktuelle Nummer 20 | 21 | 2019
29. September 2019 bis 26. Oktober 2019

Editorial

Propheten und Prophetinnen

Als Kritiker und Mahner haben sie schon immer einen schweren Stand gehabt. Prophetinnen und Propheten stören die hergebrachte Ordnung, zeigen auf wunde Punkte und fordern Umkehr und Veränderung. Schon in der Bibel sind sie ins Abseits gedrängt und mundtot gemacht worden. «Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die ich zu dir gesandt habe», klagte Jesus kurz vor seinem eigenen Leiden und Sterben. 

Ein verkannter Prophet unserer Zeit sei der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann, schreibt der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Drewermann habe in den Werken «Strukturen des Bösen» und «Kleriker. Psychogramm eines Ideals» bereits vor dreissig Jahren die klerikale Machtstruktur der Kirche kritisch analysiert und Veränderungen gefordert. Anstatt sich mit seiner Kritik auseinanderzusetzen, sei er aus der Kirche hinausgedrängt worden. Ähnlich ist es manchen feministischen Theologinnen ergangen, die einseitige patriarchale Sichtweisen kritisierten. Heute machen die Missbrauchsskandale jedoch deutlich, wie sehr problematische Machtstrukturen die Kirche und die Theologie durchdringen. 

Vor 500 Jahren war Huldrych Zwingli ein ähnlicher Prophet. Er kritisierte veräusserlichte Frömmigkeitsformen und forderte eine religiöse Neubesinnung auf Jesus Christus und die biblische Botschaft. Aufgrund dieses Glaubens kritisierte er kirchliches und gesellschaftliches Unrecht, setzte sich für das Gemeinwohl ein und löste eine Dynamik aus, die weit über seinen Wirkungskreis hinausging. Aber auch damals war die Problemlösestrategie der Amtskirche dieselbe. Die Reformatoren wurden aus der Kirche ausgegrenzt. Mit ihrer Kritik begann man sich erst auseinanderzusetzen, als der Schaden schon angerichtet war. 

Zwingli selbst berief sich auf einen anderen Propheten, der zwei Generationen vor ihm gelebt hatte, auf Niklaus von Flüe. Wie Bruder Klaus suchte er eine unmittelbare Gottesbeziehung und kritisierte den Eigennutz. 

«Wir brauchen auch heute solche Männer und Frauen, die uns Bischöfen auf die Füsse treten, und mag es noch so weh tun», meint Bischof Wilmer. 

Ich wünsche Ihnen eine kritische Aufmerksamkeit für Prophetinnen und Propheten unserer Zeit.

 

Kuno Schmid