Aktuelle Nummer 17 | 2019
18. August 2019 bis 31. August 2019

Editorial

In die Kirche gehen?

Wie Kinder altersgerecht einen Zugang zur Kirche finden können, und wie ihnen der Kirchenraum erschlossen werden kann, darum geht es auf den nächsten Seiten. Aber stellt sich diese Frage nur für Kinder? Sind die Kirchen nicht auch vielen Erwachsenen fremd geworden? In der «NZZ am Sonntag» vom 23. Dezember 2018 hat der Redaktor Christian Jungen in seinem Kommentar gefragt, ob es Gründe gäbe, wieder einmal in die Kirche zu gehen. Er nennt zuerst die Ruhe: «Kirchen sind die letzten Freiräume der Stille in einer lauten Welt.» Schon das Betreten eines Sakralbaus schafft eine Unterbrechung auf besondere Weise. Der Alltag und die Geschäftigkeit bleiben draussen, Handys sind lautlos gestellt und die Stille verleitet zum Nachdenken, richtet den Blick auf Schönes, vielleicht Irritierendes oder auf Wesentliches. 

Dann fährt er fort: «Die Kirche ist einer der letzten Orte, wo sich Menschen aller Generationen und aller sozialen Schichten begegnen – und zwar auf Augenhöhe.» Es gibt zwar auch in der Kirche Angebote für verschiedene Gruppen, für Familien, für Vereine, für Seniorinnen und Senioren. Aber für alle ist die «Kirche» der Bezugspunkt. Sie steht für eine mögliche Gemeinschaft von Menschen mit unterschiedlichen Lebenshintergründen, von Frauen und Männern, von Erfolgreichen und Versagern, von Ausdauernden und Erschöpften, von Fröhlichen und Traurigen, von Chefs und Untergebenen, von Anwesenden und Ferngebliebenen. Abseits von Konkurrenz und Leistungserwartungen richten sich alle in ihrer Verschiedenheit irgendwie gläubig, fragend, suchend oder ungläubig auf Gott und sind offen für die Frohbotschaft.  

Es sind zwei unterschiedliche Erfahrungen. Einerseits ermöglicht «in die Kirche gehen» die besondere Erfahrung in einem Sakralgebäude, die uns in die Stille und zu uns selber führen kann. Andererseits kann «in die Kirche gehen» heissen, sich als Teil dieser vielfältigen Gemeinschaft zu sehen, die im Ganzen der Gesellschaft für den Gott des Lebens, für das Lebensrecht aller und einen solidarischen Zusammenhalt eintritt. 

Ich wünsche Ihnen gute Erfahrungen beim «in die Kirche gehen», so oder so. 

  

Kuno Schmid