Aktuelle Nummer 4 | 2019
17. Februar 2019 bis 02. März 2019

Schwerpunkt

Kirchentüren öffnen

von Birgitta Aicher

«Mir ist langweilig», flüsterte Tilmann während des Gottesdienstes der Mutter zunächst leise ins Ohr. Er hatte die in der Kirche am Eingang liegenden Büchlein bereits nach wenigen Minuten durchgeblättert. Kurze Zeit später kam es schon etwas lauter: «Mir ist langweilig, können wir nicht endlich nach Hause gehen?» Das mitgebrachte Täfeli war schon längst gelutscht und Tilmann wurde immer ungeduldiger. Schliesslich verliess die Mutter vor dem Ende des Gottesdienstes mit dem Sohn die Kirche. 

So wie Tilmann geht es auch anderen Kindern. Viele kennen die Gebete und Kirchenlieder nicht. Sie sind nicht mit der Liturgie vertraut. Der Kirchenraum mitsamt den sakralen Gegenständen bleibt ihnen fremd. So gilt für viele: «Kirche ist langweilig». Aber muss das sein? Die Kirchenraumpädagogik ist eine relativ junge Disziplin der praktischen Theologie. Sie möchte Kindern und auch Erwachsenen die Tür zur Kirche und zum Glauben öffnen. 

Wie sieht das nun konkret aus? Das wollte ich selbst einmal erleben. So habe ich mich an einem Samstagvormittag einer Kindergruppe angeschlossen, die sich mit Carole Imboden vor dem St.-Ursen-Turm verabredet hatte. Es waren Kinder, die nach der Erstkommunion einen Ausflug nach Solothurn gemacht hatten. Die Gruppe war gross und nach der Zugreise auch ein bisschen bewegungshungrig. Sie sprangen he­rum und redeten laut und fröhlich durch­einander. Die kurze Begrüssung von Carole Imboden ging fast unter. Dann wurde die grosse Gruppe zunächst aufgeteilt. Die Jungen gingen auf den St.-Ursen-Turm und die Mädchen in die St.-Ursen-Kirche. Danach sollte der Wechsel stattfinden. Carole öffnete die grosse, schwere Kirchentür. Im Raum waren schon erstaunlich viele Menschen. Einige sassen auf den Kirchenbänken. Sie hatten zuvor auf dem Markt ihre Einkäufe erledigt und suchten nach der Betriebsamkeit der Woche ein paar Momente der Stille für sich. Andere gingen im Raum umher. Offensichtlich Touristen, die die Schönheiten der Kirche bewunderten. 

Die Mädchengruppe setzte sich in zwei Reihen der vorderen Kirchenbänke und betrachtete mit grossen Augen den weiten, hellen Raum. Für einen Moment war es wirklich still. Sie haben gestaunt. Und sich anschliessend selbstständig auf den Weg gemacht. Mithilfe eines Spiegels haben sie dabei Teile der Kirche aus der Höhe genauer erforschen können. Und sich auch selbst im Kirchenraum gespiegelt. Übrigens hatten die meisten ein fröhliches Gesicht dabei. Sie erlebten die Länge und Breite der Kirche, als sie von hinten langsam zur Kuppel schritten. Die Höhe der Kuppel haben sie mit einem Ballon, einer Schnur und einem Massstab bemessen können. Die Kirche war auf einmal nicht mehr langweilig. Das Gotteshaus hat sie angeregt. Gedanken über und zur Kirche sind in Bewegung gekommen. Die Führung hatte für die Kinder, aber auch für manche Erwachsene, die daran spontan teilgenommen hatten, eine aktivierende Kraft entfalten können. An diesem Morgen habe ich ein Stück Lebendigkeit des Glaubens gespürt. 

Ich bin nach Hause gegangen – anders als vorher. Mir ist deutlich geworden: Als Eltern, Grosseltern, Paten und Katechetinnen können wir den Kindern die Tür zur Kirche öffnen. Ob sich dadurch auch Türen zum Glauben öffnen, liegt jedoch nicht allein in unserer Macht. Dazu müssen Jungen und Mädchen selber Glaubensräume entdecken wollen. Sie müssen sich auf ihre Art und Weise in Kirchenräumen bewegen können. Bei ihren Erkundungen begegnen ihnen vielerlei Türöffner des Glaubens. Solche Türöffner sind Menschen, die sie in der Kirche antreffen, die hier schauen oder beten, Menschen, die diese Kirche mit viel Symbolik gebaut und ausgestaltet haben, Menschen, die früher hier gebetet und gefeiert haben und die Heiligen, die hier als Zeugen des Glaubens dargestellt und verehrt werden. Die Kraft ihrer Gebete bleibt spürbar. Ein Zweites ist mir aufgegangen. Ich habe auf einmal die Verse des Apostels Paulus neu verstanden: « ‹Es ist mein Gebet›, dass Christus aufgrund des Glaubens in euren Herzen wohnt und dass euer Leben in der Liebe verwurzelt und auf das Fundament der Liebe gegründet ist. Das wird euch dazu befähigen, zusammen mit allen anderen, die zu Gottes heiligem Volk gehören, die Liebe Christi in allen ihren Dimensionen zu erfassen – in ihrer Breite, in ihrer Länge, in ihrer Höhe und in ihrer Tiefe.» Eph 3,17–18

BRIGITTA AICHER ist Theologin und Leiterin der Römisch-katholischen Fachstelle Religionspädagogik des Kantons Solothurn.
CAROLE IMBODEN ist Religionspädagogin und Verantwortliche für Ehe- und Familienpastoral in den Pfarreien St. Ursen und St. Marien in Solothurn.
 
carol imboden
INTERVIEW mit Carole Imboden

«Kinder entdecken neues im Kirchenraum»

Was ist dir bei einer Kirchenerkundung mit Kindern wichtig? 
Für mich ist es wichtig, dass die Kinder Neues im Kirchenraum entdecken können. Sie sollen merken, dass man sich in einer Kirche bewegen darf und es vieles gibt, das mit unserem Leben im Zusammenhang steht (Taufstein, Beichtstühle > erinnern uns an unsere Fehler, Kerzenkranz > Ort an dem wir unsere Sorgen, Ängste und unseren Dank aussprechen können). Die Kinder sollen sich auf die Suche machen und Neues entdecken, möglichst auf spielerische Weise. Anhand von Hilfestellungen sollen sie sich so auch etwas über diese Kirche merken können. Wenn sie beispielsweise die mit Helium gefüllten Ballone in die Kuppel hochsteigen lassen und dabei zählen können, wie viele Meter Schnur hochgezogen werden, ist dies für sie eindrucksvoller und bleibt ihnen eher im Gedächtnis, als wenn ich ihnen einfach erzähle, bis da hoch sind es 44 Meter. Ich denke eine gute Führung weckt Lust, auch andere Kirchen etwas genauer zu betrachten oder zu schauen, welches Altarbild denn in einer anderen Kirche hängt.

Was gefällt dir selber an der Kirche?  
Die Kathedrale ist seit der Renovation sehr hell und einladend. Ihre Grösse ist beeindruckend. Mir gefallen in den meisten Kirchen die Orte, an denen man Kerzen für die eigenen Anliegen entzünden kann. Auch so in der Kathedrale. Ein besonderer Ort ist für mich auch unter der Kuppel. Diese Grösse und Höhe sind beeindruckend. Der wunderschöne Stern, welcher den Boden unter der Kuppel ziert, gefällt mir auch sehr gut.

Welchen Rat gibst du Eltern, Grosseltern oder Katechetinnen, die mit Kindern eine Kirche erkunden möchten? 
Lust am Entdecken. Einfach mal mit Kinderaugen durch den Raum gehen und schauen, was es zu finden gibt. Auch mal Ungewöhnliches ausprobieren und mit Beispielen arbeiten. Den Kindern die Kirche nicht nur zeigen, sondern sie erfahren lassen. Riechen, Fühlen, das alles sollte möglich sein in einer Kirche. Ich finde es wichtig und schön, wenn der Kirchenraum lebendig wird. Wenn Kinder sich darin bewegen und Dinge erfahren dürfen. 

 

Elemente einer Kirchenerkundung

«Es gibt einen Raum, wo man Gott in der Stille und Ruhe wahrnimmt.» 

Bernhard von Clairvaux

 

Wichtige Elemente einer Kirchenerkundung mit Kindern: 

  • Die Kinder werden dort abgeholt, wo sie stehen. Sie werden also draussen vor der Kirchentür empfangen und willkommen geheissen. 
  • Die Erkundung erfolgt von einer Aussenperspektive. Der erste Eindruck zeigt, dass die Kirche ganz anders aussieht als die anderen Wohnhäuser und Geschäfte ringsum. 
  • Der Übergang ist oft entscheidend, also die Schwelle bzw. das Kirchenportal. Da steckt übrigens noch das lateinische Wort für tragen (portare) drin. Und tatsächlich kann man durch ein so grosses und breites Kirchenportal sehr viel, was man auf dem Herzen hat, in die Kirche hineintragen. 
  • Im Innenraum sind fast alle Sinnesorgane im Einsatz (Sehen, Hören, Riechen, Tasten). Also keine Zeit für Langeweile!  
  • In diesem sakralen (Glaubens-)Raum bewegen sich die Kinder möglichst selbst-aktiv. 
  • An Ort und Stelle kommt dann auch die eigene Geschichte zum Zug. So wird am Taufbecken die eigene Taufe betrachtet.
  • Es wird auch eine Phase der Stille eingebaut, für die spirituelle Dimension der eigenen Herzenstür. 
  • Durch das abschliessende Gebet oder ein Lied wird dann auch die Verbundenheit miteinander erlebt.