Aktuelle Nummer 11 | 2019
26. Mai 2019 bis 08. Juni 2019

Schwerpunkt

Blickpunkt Sexualität

Im Hinblick auf die Jugendsynode in Rom verlangten zahlreiche Jugendliche im Rahmen des Vorbereitungsprozesses eine Aktualisierung der kirchlichen Sexuallehre. Diese nehme ihre Lebensrealität zu wenig ernst und beantworte ihre heutigen Fragen und Herausforderungen nicht. Die Bischofssynode nahm dieses Anliegen ernst. Fragen rund um Sexualität werden auch anlässlich der Bischofskonferenz zur Aufarbeitung der sexuellen Missbrauchsskandale wiederum im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Manche Fachleute sehen in der rigiden Sexualmoral und dem verdrängten, unreifen Umgang mit Sexualität einen der Gründe für solche Übergriffe. Kuno Schmid befragte zu der geforderten Neuorientierung der christlichen Sexuallehre den Religionspädagogen Prof. Dr. Stephan Leimgruber, der in diesem Bereich geforscht und publiziert hat.

 

Kuno Schmid: Früher war alles, was mit Sexualität zu tun hatte, peinlich, verboten und sündhaft. Wie hat sich die Einstellung zu Sexualität in unserer Zeit verändert? 
Stephan Leimgruber: Die Bewertung von Körper und Sexualität hat sich zu einer positiven und würdigenden Sicht verändert. Es hat in der Geschichte Zeiten gegeben, in denen Sexualitäts- und Leibfeindlichkeit vorherrschten. Der lange Schatten des einflussreichen Kirchenvaters Augustinus hat bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nachgewirkt, auch bis in die Gewissenserforschung und Beichte zum 6. Gebot. Dann haben Philosophie und Theologie die Körperlichkeit und Personalität des Menschen aufgewertet und die tiefe Verbindung von Leib, Geist und Seele im Ganzen des Menschen in Erinnerung gerufen. Die Bibelforschung zeigte, wie in der Bibel Körper und Sexualität positiv dargestellt werden. Beispiele dafür sind das Hohe Lied der Liebe oder das Bild vom Leib als «Tempel des Hl. Geistes» (1 Kor 6,19 – 20). Geniessen können, Integration der Zärtlichkeit und Sexualität in eine ganzheitliche Beziehung werden als ebenso bedeutsame christliche Werthaltungen beschrieben wie auch Respekt, Rücksichtnahme, Treue und Diskretion. Sexualität kann durchaus auch zerstörerisch werden, wenn der Egoismus überhandnimmt und die Beziehung vernachlässigt wird.

Von dieser grundsätzlich positiven Einstellung zu Körper, Person und Sexualität her muss die kirchlichen Sexuallehre erneuert werden. Ansätze sind längst vorhanden, sogar in kirchlichen Dokumenten. Aber es werden keine Konsequenzen gezogen. Kaum ein Bischof wagt sich dazu zu äussern, und zwar weil die Tradition dazu negativ ist und sofort Widersprüche auftreten und er der Untreue zur kirchlichen Lehre bezichtigt würde.

Dr. Sommer in der Zeitschrift «Bravo» hat damals alle Fragen zu Sexualität beantwortet. Manche Jugendliche sind auch heute verunsichert von Gefühlen, Fantasien und Anforderungen rund um Sexualität. Wo holen sie sich Antworten und Orientierung? 
Es gibt Väter und Mütter, die offen ihre Kinder auf die Entdeckungsreise des Körpers und der Sexualität mitnehmen, andere sind dazu nicht in der Lage. Einige Kinder werden über Internet und Social Media aufgeklärt, einige in der Schule oder von Mitschülerinnen und Mitschülern. In der Regel ist es ein spiralförmiges Lernen mit verschiedenen Informationsquellen und Lernorten. 

Die breite Zugänglichkeit zu Schutz- und Verhütungsmitteln hat Sexualität als lustvolle menschliche Erfahrungs- und Ausdrucksmöglichkeit vom Zeugungsakt unabhängig gemacht. Muss deshalb Sexualpädagogik nicht mehr sein als das Erklären des Zeugungsvorgangs?Sexualität wird nicht mehr auf die Zeugungsfunktion reduziert. Ich sehe zumindest fünf Dimensionen der Sexualität, die letztlich alle zusammengehören. 
a) die affektive Dimension der Zärtlichkeit 
b) die Dimension der Erotik, der Lust und Freude 
c) die Dimension der Sprache und der Kommunikation    
d) die Dimension der Fruchtbarkeit 
e) die religiöse Dimension der Transzendenz­erfahrung in der Sexualität. 

Sexualität wird heute von vielen als eine gleichwertige Erfahrungsmöglichkeit neben vielen anderen gesehen. Dabei gehen oft die Besonderheit und personale Bezogenheit vergessen. Im Gegensatz zur früheren Leibfeindlichkeit geht es heute darum, körperlich fit und schön zu sein. Manche betreiben gar eine Art Körperkult. Die Käuflichkeit von Sexualität und der leichte Zugang zu harter Pornographie im Internet geben zu denken und müssen mit Jugendlichen thematisiert werden. Natürlich wäre es schön und sinnvoll, wenn in der Schule eine wohlwollende interdisziplinäre Kooperation von verschiedenen Fächern wie Sprach- und Biologieunterricht, Lebenskunde und Religionsunterricht zustande käme. Dies setzt aber ein gutes Schul- und Klassenklima und Vertrauen unter den Schülerinnen und Schülern voraus. Zuerst sind jedoch die Eltern und Erziehungsverantwortlichen an der Reihe. Subsidiär und wissensorientiert muss der Sexualkundeunterricht in der Schule eine minimale Kompetenz in diesen Fragen aufbauen.

In der Schule müssen Jugendliche lernen, dass sowohl Frauen und Männer als auch Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen in Beziehungen und bezüglich Sexualität gleichberechtigt sind und selber über Nähe und Distanz bestimmen können müssen. Sind das auch Anliegen einer christlichen Sexualpädagogik?
Durchaus. Christinnen und Christen sollen lernen, ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper und zur Sexualität zu finden, ferner den Partner oder die Partnerin in seiner bzw. ihrer Originalität zu akzeptieren und respektieren zu lernen, auf jede Gewalt zu verzichten, auch in der Ehe. Sie sollen eigene Erwartungen und Ansprüche an Beziehungen klären, eine Sprache der Zärtlichkeit, Erotik und Sexualität finden und verschiedene sexuelle Orientierungen (wie beispielsweise Homosexualität) nicht-diskriminierend benennen können. Zu bedenken ist auch, dass Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund teilweise anders mit Körper und Sexualität umgehen. 

Vertrauen, Treue und Eifersucht sind wichtige Themen der Jugendlichen, sie nehmen diese oft im Spannungsfeld zu Selbstbestimmung und Selbsterfahrung wahr. Braucht es verlässliche Beziehungen für verantwortungsvoll gelebte Sexualität?
Ich denke, dass in der heute pluralen Gesellschaft mehrere Lebensformen und Möglichkeiten des Zusammenlebens gegeben sind und akzeptiert werden. Auch aus christlicher Sicht gibt es verschiedene durchaus sinnvolle Lebensstile (Familie, Alleinstehende, Ehelosigkeit, gemeinschaftliches Leben, Verzicht auf Kinder, um eine grössere berufliche oder soziale Aufgabe zu erfüllen). Die Faktoren, um eine «ewige Partnerschaft» zu leben, wie es in der Bibel angesprochen ist, sind schwieriger geworden, wenn man an die Mobilität denkt und das Faktum, dass Ehen viel länger dauern als zu früheren Zeiten. Gleichwohl dürfte die Ehe ein idealer Lebens- und Schutzraum bilden, in dem man sich unbedingt angenommen und geborgen weiss. Aus christlicher Sicht könnte man den «Vorraum der Ehe» als Ort des Lernens und der wertvollen Lebenserfahrung sehen und es den Menschen in Freiheit und Verantwortung überlassen, wieweit sie einander Nähe geben wollen. Die Erfahrung der Verlässlichkeit spielt aber in der Erziehung eine vorrangige Rolle für die Übernahme verantwortlicher Sexualität.  

 

leimgruber 2019

Dr. Stephan Leimgruber stammt aus Windisch AG und war bis zu seiner Emeritierung 2014 Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität München. 1980 bis 1992 war er als Religionslehrer an der Kantonsschule und am Lehrerseminar Solothurn tätig. Er publizierte 2011 das Buch «Christliche Sexualpädagogik. Eine emanzipatorische Neuorientierung»