Aktuelle Nummer 11 | 2019
26. Mai 2019 bis 08. Juni 2019

Editorial

Ein Kleber drauf

Man kann es auch positiv sehen: Kein Papstschreiben hat die Mündigkeit der Katholikinnen und Katholiken so sehr gefördert, wie die vor gut 50 Jahren erschienene Enzyklika «Humane vitae». Mit dem Festhalten an der traditionellen Sexualmoral und insbesondere am absoluten Verbot von künstlichen Verhütungsmitteln hat die Kirche viel an Autorität und Glaubwürdigkeit verloren. Die Menschen lernen, auf ihr Gewissen zu hören und Sexualität und Familienplanung selbst­verantwortlich zu gestalten. 

Die Sexualität verschwindet nicht, wenn sie verboten und eingeschränkt wird. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis, das mit unterschiedlicher Stärke nach Lebens- und Ausdrucksformen sucht. Für die Sexualtherapeutin Esther E. Schütz beginnt es mit dem ganzheitlichen Annehmen des Leibes und der Möglichkeit der Selbstbefriedigung. Diese sei eine Form der Gestaltung der Beziehung zum Körper und zu seinen lustvollen Empfindungen, und deshalb eine gleichberechtigte Form neben sexuellen zwischenmenschlichen Beziehungen. Genau daran ist jedoch einige Jahre nach «Humane vitae» der Streit um das Jungwacht-Büchlein «Kniff» ausgebrochen. In unaufgeregter Weise sprechen darin «Fredi» und «Monika» über ihren Körper und ihre sexuellen Erfahrungen und Fragen als Jugendliche. Die Bischöfe haben sich empört und durchgesetzt, dass nachträglich ein Kleber auf den entsprechenden Seiten angebracht werden musste. Aber auch dieser Kleber brachte die Sexualität nicht zum Verschwinden, beförderte aber die Emanzipation der Jugendverbände. Abdeckkleber, Verbote, Verzichtsforderungen, Vertuschung, Ausgrenzungen von Minderheiten wie der Homosexuellen, all das trägt die Gefahr des Verdrängens in sich und lässt Menschen zurück, die mit der Sexualität nicht angemessen und positiv umzugehen wissen. Noch hat die Kirche ihre Lehre und ihren Anspruch, das Sexual- und Beziehungsleben ihrer Gläubigen zu regulieren, nicht aufgegeben. Die Verantwortlichen bringen gerade junge Menschen, die sich für einen kirchlichen Beruf interessieren, mit ihren Ansprüchen in grosse Krisen. Da kann man nur dankbar sein, wenn mutige Theologen eine Neuorientierung in der christlichen Sexualpädagogik vorzulegen wagen. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Wintersport- oder Fasnachtstage mit Leib und Seele geniessen können. 

 

Kuno Schmid