Aktuelle Nummer 19 | 2019
15. September 2019 bis 28. September 2019

Jugend

Leben in einer Sackgasse

von Béatrice Panaro

Am 1. August kamen in Solothurn die Jugendchöre der eritreisch-katholischen Gemeinden in der Schweiz für einen Wettbewerb zusammen. Das ganze Jahr hindurch trafen sie sich in den jeweiligen Kantonen, um ihren Glauben zu vertiefen. Das gemeinsame Singen ist dabei sehr wichtig. Für das Kirchenblatt haben wir einen Chorleiter gefragt, warum die Musik für ihn eine so grosse Bedeutung hat.

«In den schwierigsten Momenten meines Lebens bete ich zu Gott, indem ich singe. So auch in letzter Zeit: In Eritrea gibt es immer noch keine Freiheit, und vor Kurzem wurden alle katholischen Gesundheitseinrichtungen von der Regierung beschlagnahmt. Von heute auf morgen. Die Kranken, das Pflegepersonal und die Ordensschwestern wurden einfach auf die Strassen gestellt.

In meiner Heimat gibt es keine Möglichkeit, das eigene Leben selbst zu planen oder eigene Entscheidungen zu treffen. Jede und jeder wird gezwungen, in den Militärdienst auf unbestimmte Zeit einzurücken. Das war der Grund, warum ich diesen lebensgefährlichen Weg auf mich nahm. Ich hoffte, dass es irgendwo anders besser wird. Immer wieder dachte ich, dass ich die Flucht nicht überlebe. Viele meiner Weggefährten sind gestorben. Egal wo wir waren, im Camp, in der Wüste, im lybischen Gefängnis, auf der Strasse, mitten im Meer … wir haben zusammen gebetet: Katholiken, Orthodoxe, Muslime …
Ich glaube, Gott war uns dabei sehr nah.

Es vergeht auch heute noch kein Tag, an dem ich nicht an das Erlebte denke. Es ist in mir gespeichert, es lässt sich nicht
löschen. Ich habe Sehnsucht nach meiner Familie, die ich so liebe. Doch ich bin dankbar, dass ich noch am Leben bin.» 

Seit vier Jahren lebt Yohannes nun in der Schweiz. Er hat inzwischen viele Freunde gefunden, gut Deutsch gelernt, sogar eine Vorlehre in einem Restaurant begonnen. Alles schien auf dem besten Weg zur Inte­gration. Doch vor Kurzem haben Behörden und Gericht entschieden, dass er kein Recht auf Asyl hat. Die unmittelbaren Folgen waren: Er musste die Vorlehre abbrechen, wurde in eine Kollektivunterkunft transferiert und lebt nun ohne jegliche Tagesstruktur weit weg von seinem Beziehungsnetz. Die Zukunft, für die er sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, ist plötzlich wie ausgelöscht. 

Es gibt kein Zurück und kein Vorwärts, sein Leben ist wie eine Sackgasse. Diese totale Ungewissheit und Perspektivenlosigkeit ist für ihn nur schwer zu ertragen. «Nur mein Glaube und mein Engagement in der eritreisch-katholischen Gemeinde bieten mir Halt.»