Aktuelle Nummer 6 | 2019
17. März 2019 bis 30. März 2019

Schwerpunkt

VATERUNSER

von Reto Stampfli

Das Vaterunser ist zweifellos das bekannteste christliche Gebet. Für viele ist es eine Art Standardgebet, das man eben betet, wenn man betet, als Morgen- oder Abendgebet, in der Kirche oder am Grab. Es lohnt sich jedoch, diesem Herzstück der christlichen Spiritualität historisch und theologisch vertiefte Aufmerksamkeit zu schenken.   

Jesus gibt im 6. Kapitel des Matthäusevangeliums klar zu verstehen, dass man beim Beten «nicht wie die Heiden plappern» soll. Somit darf auch das Vaterunser nicht zu einem Automatismus verkommen. Von Bruder Klaus wird erzählt, er habe sich, während er zu Fuss nach Einsiedeln wallfahrte, zu einem einzigen Vaterunser vier Tage Zeit genommen. So intensiv kann diese Betrachtung nicht ausfallen, ein paar Einblicke sollten jedoch möglich sein.  

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.

Wenn man nach dem Sitz im Leben des Vaterunser sucht, dann besteht dieser – und das belegen bereits die ältesten Kommentare – in der Gotteskindschaft, mit der die Gläubigen in der Taufe beschenkt werden. Mit diesem fundamentalen Angebot gibt Jesus sein Sohnesverhältnis zum Vater an die Seinen weiter. Dadurch sind sie befähigt, ihren Schöpfer, so wie das auch Jesus selbst tut, mit «Abba – Vater!» anzurufen.  Dieses Vatersein Gottes umfasst väterliche und mütterliche Seiten, denn durch die Taufe und durch den Glauben an Jesus Christus sind sie zu Kindern Gottes geworden. 

Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.

Das Vaterunser ist uns in zwei verschiedenen Fassungen überliefert, in einer kürzeren bei Lukas und einer längeren bei Matthäus; es gehört zum genuinen Wortgut des historischen Jesus. Der Text ist, mit kleinen Änderungen, seit 2000 Jahren konstant geblieben. Ein altes jüdisches Gebet, das Qaddisch, ist dem Vaterunser ähnlich. Dort lesen wir: «Verherrlicht und geheiligt werde sein grosser Name, in der Welt, die er nach seinem Willen schuf. Sein Reich erstehe in eurem Leben, in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel.» Dieses Gebet reicht zwar nicht sicher in die Zeit Jesu hinein, doch haben Gebete eine lange Lebenszeit, sodass man annehmen kann, dass Jesus dieses oder ein ähnliches Gebet kannte. Vermutlich hat also Jesus ein bereits vorhandenes Gebet aus seinem direkten Umfeld und seiner Glaubens- und Lebenswelt übernommen, es jedoch verändert und ihm eine neue Ausrichtung gegeben. 

Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir beten «Dein Reich komme»? Ein Blick in unsere Welt verheisst oft nichts Gutes; es fällt uns schwer, das Reich Gottes darin zu erkennen. Wir fühlen uns bedroht von Krieg, Terror, Gewalt, Krankheit, Leid und Tod. Als gläubige Christen befinden wir uns mittendrin in einem existenziellen Widerspruch. Wir spüren die Verbindung zu Gott, erleben sein Wirken in und an uns. Andererseits fühlen wir uns nicht selten hilflos und ausgeliefert. So ist die Bitte «Dein Reich komme» als Versprechen zu deuten, nämlich das zu tun, was in unserer Macht steht, die Welt positiver und menschlicher zu gestalten, ohne dabei zu resignieren.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

In der Urfassung des «Herrengebets» tritt hier erstmals das Pronomen «unser» auf. Bei der Bitte um das tägliche Brot richtet sich der Blick des Beters sogleich auf alle, die sich auch um ihren Lebensunterhalt bemühen müssen. Die Frage, ob es bei dieser Bitte um das tägliche Brot im materiellen Sinne oder vielmehr um die geistliche Speise, also etwa das Wort Gottes gehe, hat die Theologie ausgiebig beschäftigt. Heute herrscht bei den Exegeten weitgehend Einigkeit, dass die Bitte direkt zu verstehen ist und sich auf die bedrängten Verhältnisse der einfachen Menschen in Palästina zurückführen lässt. Luther hingegen hat das Brot in einem umfassenden Sinn interpretiert, womit er alles, was wir zum Leben brauchen, meint. Bedenkt man darüber hinaus, dass Jesus das Vaterunser mit seiner Jüngerschaft betete, mit denen er umherzog und dessen Auftrag, das Sprechen über Gott und den Glauben, von vielen als «brotlose» Kunst erachtet wurde, wird die Dringlichkeit dieses materiellen Anliegens noch deutlicher. 

Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Diese Passage hat, ausgelöst durch eine neueBibelübersetzung auf Französisch («Lass uns nicht in Versuchung geraten») und eine Bemerkung von Papst Franziskus,
eine Debatte ausgelöst, die deutlich aufzeigt, warum es nötig ist, den Text des Vaterunser gut im Auge zu behalten. Dabei handelt es sich auch um die grundsätzliche
Frage nach der authentischen Übersetzung. Der aramäische O-Ton ist leider nicht bekannt, Jesus hat jedoch, laut dem Matthäus- und Lukasevangelium, die auf
Griechisch verfasst wurden, den Ausdruck gebraucht: «bringe uns nicht in die Versuchung hinein.» Das haben die ersten Übersetzer auf Lateinisch ganz wörtlich übertragen: «ne nos inducas in tenta­tionem», woraus im Deutschen ein: «führe uns nicht in Versuchung» resultierte.

Nach der päpstlichen Intervention wurden Bedenken laut, dass man im Sinne eines modernen Mainstream-Christentums die dunklen und unverständlichen Seiten Gottes ausblenden wolle. Es würde zu einem Gut-Böse-Dualismus führen, wenn Gott in Versuchungssituationen nicht letztverantwortlich sei. Adrian Schenker, emeritierter Professor für Alttestamentliche Wissenschaft an der Universität Fribourg, resümiert in dieser Frage: «So wird deutlich, dass man die Versuchungs-Bitte im Vaterunser zweifach verstehen kann: Erstens, wir sagen zu Gott: «führe Du uns nicht in Versuchung», denn wir sind schwache Menschen, und selbst wenn Du uns in guter Absicht auf die Probe stellst, damit wir an Glauben und Liebe wachsen, so ist trotzdem die Gefahr gross, dass wir in der Erprobung versagen könnten. [...] Zweitens, wir sagen zu Gott: «hindere den Versucher daran, uns auf die Probe zu stellen», denn er will unser Unglück. Er will uns durch schwere Schicksalsschläge von Dir trennen. [...] Dieses zweite Verständnis passt gut zur letzten Vaterunser-Bitte: ‹erlöse uns von dem Bösen!›» 

Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Dieser Lobpreis am Ende des Vaterunser ist in den Evangelien nicht vorhanden. Er taucht jedoch schon in einer frühen Schrift, der sogenannten «Didache» auf, einer Kirchenordnung aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Zur damaligen Zeit war ein Lobpreis ein elementarer Bestandteil von Gebeten. In kurzen und oftmals hymnisch klingenden Wendungen wurden zu Beginn und zum Ende des Gebets die wichtigsten Aspekte Gottes und seines Handelns genannt. Im Missale Romanum von 1570, der ersten einheitlichen und verbindlichen Messliturgie für die römische Kirche, fehlt der Zusatz und wird dann erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Messbuch von 1970 für die katholische Kirche wieder eingeführt. 

Amen.

Mit dem hebräischen «Amen» endet jedes Gebet. Es heisst so viel wie: «So sei es! So soll es geschehen!» Mit dem «Amen» drückt man eine Haltung aus. Ein Gebet oder ein Segen ist unvollständig, wenn das «Amen» fehlt. Das bedeutet also, dass es einem immer klar sein sollte, wovon man spricht und zu was genau die Zustimmung erfolgt – kein Geplapper sondern ein bewusstes Kennen und Bekennen.