Aktuelle Nummer 20 | 21 | 2019
29. September 2019 bis 26. Oktober 2019

Schwerpunkt

100 Jahre Seraphisches Liebeswerk Solothurn

von Kuno Schmid

Am St.-Ursen-Tag 1919 wurde das Seraphische Liebeswerk Solothurn (SLS) gegründet. Die Initianten wollten etwas gegen die Leiden der damaligen Zeit tun und notleidende Kinder und Familien unterstützen. Aus ihrer Initiative entstand eines der bedeutendsten christlichen Sozialwerke Solothurns. Seit Beginn stand das Werk unter dem Schutz des heiligen Antonius von Padua. Bereits die erste Niederlassung hiess deshalb Antoniushaus.  

Begegnung mit Folgen
Am Anfang des SLS standen Begegnungen. Der Kapuziner Florian Walker war Krankenpater und begegnete dem jungen Arzt Fritz Spieler im Bürgerspital bei der Betreuung der Patienten. Beide haben in ihrer Kindheit selbst schmerzliche Verluste erlebt und waren deshalb sensibilisiert für die sozialen Nöte, die oft zu den gesundheitlichen Problemen dazukamen. Walker kam aus dem Kanton Uri, Spieler aus Glarus. Ihre gemeinsame geistliche Heimat fanden sie bei der franziskanischen Laiengemeinschaft Solothurn. Hier begegnete Fritz Spiegel der engagierten Hilda Meyer, die später seine Frau wurde. Die drei wurden zu «Verbündeten» für Menschen in Not. Auf ihre Initiative kam es1919 zur Gründung eines Vereins mit sozial-karitativer Zielsetzung unter dem Namen Seraphisches Liebeswerk Solothurn. Dabei orientierten sie sich an Liebeswerkgründungen in Deutschland. Unmittelbarer Anlass zur Vereinsgründung war das kleine Kind einer alleinstehenden schwer kranken Mutter. Auf ihre Bitte hin versprach der Arzt Dr. Spieler, für ihr Kind zu sorgen. Jetzt mussten Mittel und Wege gefunden werden, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. 

Aus der Anfangszeit
Von allen Seiten wurden vielfältige Notlagen an das junge SLS herangetragen. Dementsprechend vielseitig waren die Anforderungen und die Hürden, mit denen das junge Sozialwerk konfrontiert war. Das Sammeln von Spenden für die Finanzierung war eine grosse Herausforderung. Zudem brauchte es Räume für die Unterbringung der Kinder und die Arbeit der Helferinnen. Nach ersten Provisorien konnte vier Jahre nach der Gründung an der Gärtnerstrasse eine Schreinerwerkstätte mit Wohnung erworben und dem Bedarf entsprechend umgebaut werden. Das einfache Riegelhaus wurde zum ersten Antoniushaus.

Die Schwesterngemeinschaft
Zusammen mit dem Verein entstand auch die heutige Schwesterngemeinschaft SLS, deren Mitglieder sich ehrenamtlich den Vereinsaufgaben widmeten und dies als Lebensaufgabe wählten. Die ersten sogenannten «Fürsorgerinnen» fanden 1924 im genannten Riegelhaus an der Gärtnerstrasse den Ort ihrer Bestimmung. In den Folgejahren wurde das kleine Haus zum stark belebten Zentrum für vielfältige Zwecke und Begegnungen. Nebst gutem Willen brauchte es auch Fachwissen. Die Bereitstellung von Fachliteratur sowie die Schaffung einer Ausbildungsstätte wurden als Teil der Verantwortung gesehen. Die Weiterentwicklung der SLS-Aufgaben und die wachsende Zahl der «Fürsorgerinnen» machten schon bald eine grössere «Liebeswerkzentrale» nötig. Diese konnte 1935 auf einem Landstück neben dem ersten kleinen Antoniushaus zusammen mit der Antoniuskapelle realisiert werden. 

Entfaltung der Wirkungsbereiche
Die sozialen Einrichtungen des SLS, die im Laufe der Jahrzehnte in verschiedenen Regionen der Schweiz entstanden sind, lassen sich folgenden Bereichen zuordnen: 
• Heime und heimähnliche Institutionen, zum Teil mit internen Schulen und angeschlossenen Beratungsdiensten.
• Ambulante Beratungsstellen mit verschiedenen Hilfs- und Förderangeboten, besonders für Familien, Kinder und Jugendliche.
• Materielle Hilfen in verschiedener Form. 
• Vermittlung und Beratung im Bereich Pflege- und Adoptivkinder sowie Ferienplatzvermittlung.
• Schulung und Bildung mit Ausbildungsstätten für Sozialberufe sowie zur Förderung junger Menschen mit einer Beeinträchtigung. Führung von Fach- und Jugendbibliotheken. 
• Verbindung zur Mitwelt durch SLS-eigene Zeitschriften, Korrespondenz mit Wohltätern und bei Gebetsanliegen.

Über die Schweizergrenze hinaus
Nebst Engagements in Afrika und anderen Teilen der Welt entstand 1979 in Cebu Phi­lippinen eine Niederlassung der Schwesterngemeinschaft SLS. Diese Gemeinschaft besteht heute aus 50 philippinischen Frauen. Auf verschiedenen Inseln ihrer Heimat realisieren sie Stützpunkte und Hilfsprogramme für unterprivilegierte Menschen. Vor zwei Jahren wurden sie unter dem Namen «Franciscan Sisters Pro Infante et Familia» von der Kirche als eigenständige Gemeinschaft apostolischen Lebens anerkannt. 

Ziele und Art des sozialen Einsatzes 
Die Hilfe zur Selbsthilfe war und ist im sozialen Einsatz des SLS Ziel und Aufgabe zugleich. Schon die Gründerpersönlichkeiten waren überzeugt, dass wirksame Hilfe sowohl heilende wie auch vorbeugende und entwickelnde Aspekte umfassen muss. Heilende Dienste sollen helfen, Probleme abzubauen; vorbeugende Hilfen sollten durch rechtzeitiges Erfassen einer Gefährdung und durch geeignete Mittel Probleme oder grössere Schwierigkeiten verhüten. Beim entwickelnden Arbeiten gilt es, die positiven Kräfte und Fähigkeiten im Menschen wahrzunehmen und zu fördern. Diese Ziele kamen in den einzelnen Werken je nach deren Zweck mit unterschiedlicher Gewichtung und Ausprägung zum Zuge. In vielen Rückmeldungen und teils langjährigen Kontakten mit Ehemaligen unserer Heime und anderen SLS-Stel­len kommt zum Ausdruck, dass diese als hilfreiche Stationen erlebt wurden. Dennoch muss eingestanden werden, dass es aus heutiger Sicht auch Fehlentscheide gab und dass berechtigten Bedürfnissen nicht immer entsprochen wurde, was dem SLS sehr leid tut.   

Veränderung als Daueraufgabe
Beim Rückblick in die Geschichte des SLS fällt auf, dass diese seit den Anfängen durch Aufbruch, Veränderung, Loslassen und Neuausrichtung geprägt war. Je nach veränderten Zeitbedürfnissen und den personellen und finanziellen Kapazitäten wurden Werke und Dienste in den vergangenen Jahrzehnten verändert, aufgehoben oder neue gegründet. Als wichtiges Kriterium fiel dabei stets der Grundsatz ins Gewicht: «Nicht das Ansehen eines Werkes oder einer Person, sondern die Notwendigkeit des Dienstes soll uns wichtig sein. Vor allem sehen wir unsere Aufgabe dort, wo andere ein soziales Bedürfnis noch nicht oder nicht auf genügende Weise befriedigen können.» (Leitbild SLS)

Während in den ersten fünf Jahrzehnten relativ viele Neueröffnungen erfolgten, wurden diese in der Folgezeit seltener. Ein Grund war, dass soziale Aufgaben vermehrt durch den Staat wahrgenommen wurden. Ein weiterer Grund war die kleiner werdende Schwesterngemeinschaft. Im Zuge der Veränderungen kam es an verschiedenen Standorten zu Vermietung und Verkauf von Liegenschaften. Dabei wurden Interessenten priorisiert, die eine soziale Nutzung beabsichtigten, was zu eindrücklichen Lösungen führte. 

Markante Veränderungen gab es auch bei der langjährigen Ausbildungsstätte des SLS, die im Jahr 1933 als Sozialpädagogisches Fürsorgerinnenseminar gegründet wurde. 1969 wurde sie offiziell als Schule für Soziale Arbeit anerkannt. Im Jahr 1998 erfolgte die Übergabe an den Kanton Solothurn. Bis zu diesem Zeitpunkt war das SLS Träger der Schule. Heute ist sie Teil der Fachhoch­schule Nordwestschweiz in Olten.

SLS aktuell
Seit 1990 besteht der Verein SLS aus der Schwesterngemeinschaft. Diese zählt heute 34 Mitglieder. Das SLS beschäftigt rund 75 Mitarbeitende, die als Angestellte in den verschiedenen Aufgabenbereichen wirken. Aktuell werden vom SLS in Solothurn folgende Einrichtungen geführt oder mitfinanziert: Das Tagesheim Ziegelmatte ist ein familienergänzendes Angebot für Kinder ab 6 Monaten bis zum 12. Lebensjahr. Das Welcoming House an der Greibengasse ist ein Ort der Begegnung und Beratung für Menschen philippinischer Herkunft. Weitere Angebote des SLS sind: Unterstützung in finanziellen Notlagen, Sorgentelefon und Beantwortung von Sorgenbriefen, Kleiderbörse für Menschen in knappen finanziellen Verhältnissen sowie Führung des Wohn- und Pflegeheimes für betagte und pflegebedürftige Mitglieder der Schwesterngemeinschaft. Die Beratungsstelle Scala für Paare, Eltern und Familien wird heute von einem eigenen Trägerverein geführt und vom SLS mitfinanziert. Das Theresiahaus ist eine von der IV anerkannte Ausbildungsstätte für junge Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten oder anderen Beeinträchtigungen. Seit drei Jahren wird die Institution von einer durch das SLS errichteten Stiftung getragen. Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten werden durch das SLS weitere soziale Projekte, die dem SLS-Zweck nahestehen, unterstützt.    


Quelle: Der Text stützt sich auf den Bericht von Käthy Arnold über die Geschichte des SLS in der Jubiläumsausgabe des Antoniusheftes. 

 

 

 

antonius verlag

Erstes Antoniushaus heute Antonius-Verlag.

antonius haus haus

Das heutige Antoniushaus und die Antoniuskapelle wurden 1935 erbaut.

 

antonius kapelle

 Antoniuskapelle.