Aktuelle Nummer 20 | 21 | 2019
29. September 2019 bis 26. Oktober 2019

Editorial

Gruppenarbeit

Der Stein des Anstosses hiess in den frühen Siebzigerjahren «Gruppenarbeit». Ob in der Schule, in der Pfarrei oder in der Jugendarbeit, überall wurde darum gestritten. Kann man lernen durch Austausch in einer Gruppe? Dürfen Glaubensfragen in Gruppen diskutiert werden? Kann man Ziele erreichen mittels Gruppenarbeit? Für viele war das undenkbar, für sie war Gruppenarbeit eine Untergrabung der Autoritäten. Für andere war sie das Signal für kooperatives Lernen, für Mitsprache und Demokratisierung. Es waren Studierende der Schule für Sozialarbeit des Seraphischen Liebeswerks, die uns damals die Hintergründe und Methoden der Gruppen­arbeit erklärten. Sie lernten es von ihrer charismatischen Dozentin und späteren Rektorin und Oberin Meta Mannhart (1933– 2017), die aus der sozialwissenschaftlichen Forschung neue Formen für die Sozialarbeit und für das Gemeinschaftsleben als Christinnen und Christen ableitete. Demokratisierung bedeutete hier nicht Mehrheitsentscheid durch Abstimmung. Es ging vielmehr um das ganze Gemeinwesen, es ging darum, Betroffene zu Beteiligten zu machen, bei Entscheidungen möglichst alle einzubeziehen. Denn alle Menschen hätten die gleiche Würde vor Gott und das ganze Volk Gottes war unter der Führung des Heiligen Geistes unterwegs. Gruppenarbeit wurde zu einem Kennzeichen nachkonziliarer, christlicher Haltung.  

Heute sind Gruppenarbeiten und Arbeitsgruppen selbstverständlich. Es ist kaum mehr vorstellbar, dass man damals darum streiten musste. Nicht selbstverständlich ist die Partizipation. Auch die Verantwortlichen in der Kirche tun sich oft schwer damit. Beim vorgesehenen «synodalen Weg» betonen die Bischöfe, die Kirche sei keine Demokratie. Dem kann entgegnet werden, dass sie auch keine bischöfliche Monarchie sein sollte. Gerade der Bettag kann Anlass sein, kritisch und dankbar auf die Erfahrungen zu blicken, die unser Land und ganz Europa mit den Vorzügen der Demokratie macht. Manches davon lässt sich auf den synodalen Weg der Kirche übertragen und kommt den urchristlichen Idealen näher als hierarchische Strukturen. Mit Gebet und Mitsprache aller kann der synodale Weg zu einer hoffnungsvollen und glaubwürdigen Erneuerung der Kirche beitragen.   

Ich wünsche Ihnen einen schönen und besinnlichen Bettag. 

 

Kuno Schmid