Aktuelle Nummer 17 | 2019
18. August 2019 bis 31. August 2019

Schwerpunkt

Gemeinsam für starke Frauen

von Lorenz Kummer, Brot für alle – Fastenopfer

Seit 50 Jahren engagieren sich Brot für alle, Fastenopfer und später auch Partner sein mit der Ökumenischen Kampagne für eine gerechtere Welt. Der Einsatz für Menschenrechte und Menschenwürde zieht sich wie ein roter Faden durch die Kampagnen der letzten Jahrzehnte. So auch in der Jubiläumskampagne 2019, wo die Stärkung der Rechte der Frauen das zentrale Anliegen ist. 

Frauen haben weltweit eine tragende Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft. Doch sie sind auf allen Entscheidungsebenen untervertreten und verdienen weniger als Männer für die gleiche Arbeit. Der Beitrag der Frauen wird zudem kaum anerkannt und schlecht honoriert. Frauen pflegen das soziale Netz, tragen vielerorts die Hauptlast in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und im informellen Sektor und leisten den Grossteil der Care-Arbeit – oft ohne Bezahlung.

Deshalb stehen in der Ökumenischen Jubiläumskampagne 2019 Frauen im Zentrum. Als mutige Akteurinnen setzen sie sich für ihre Rechte ein, kämpfen für eine Wirtschaft, die dem Leben dient und engagieren sich für den notwendigen Wandel in der Gesellschaft. 

Besondere Bedeutung hat dieser Kampf bei der Ausbeutung von Rohstoffen, die oft zu Menschenrechtsverletzungen, zu Landraub oder zur Verschmutzung von Böden und Wasser führt. Viele Partnerorganisationen im Süden berichten denn auch von katas­trophalen Auswirkungen des Rohstoffgeschäfts für Frauen. Im Umfeld von Minen und Plantagen nehmen Vergewaltigungen und Gewalt weltweit zu. Frauen aus Kamerun, dem Kongo und den Philippinen werden diese Entwicklungen an vielen Anlässen während der Ökumenischen Kampagne thematisieren.

Das Rohstoffgeschäft ist zwar besonders risikoreich. Aber auch andere Schweizer Branchen sind regelmässig in die Verletzung von Menschenrechten und Umweltstandards verwickelt. In der Schweiz setzen sich Brot für alle und Fastenopfer seit Langem dafür ein, dass Unternehmen Menschenrechte respektieren und in der Schweiz eine verbindliche Regulierung von Unternehmen gesetzlich verankert wird. Eine Sorgfaltsprüfung, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative verlangt, ist unab­ding­bar. 

Bembet Madrid
INTERVIEW mit Bembet Madrid
«Wo Ungerechtigkeit herrscht, gibt es auch keine Würde»

 

Seit über 25 Jahren setzt sich Bembet Madrid mit Fastenopfer auf den Philippinen für die Anliegen der Schwächsten ein, derzeit als Koordinatorin des Landesprogramms. Während der Fastenzeit erzählt sie in Schweizer Schulen und Pfarreien über die grössten Herausfor­derungen ihrer Arbeit.

Bembet Madrid, mit welchen Problemen haben Sie zu tun?
Zum einen mit wirtschaftlichen: Auf den Philippinen wird Saatgut stark von Kon­zernen wie Syngenta kontrolliert. Früher war es in den Händen der Bäuerinnen und Bauern. Jetzt müssen sie es kaufen, und das genetisch veränderte Saatgut lässt sich nicht weiterzüchten. Hinzu kommen immer wieder Dammprojekte. In Infanta etwa, im Nordwesten des Landes, will man 5000 Indigene für einen Staudamm vertreiben. Die zweite Herausforderung ist die Natur: 22 aktive Vulkane, tektonische Platten, die fast täglich zu Erdbeben führen, und bis 30 Supertaifuns pro Jahr. Letztere sind eine Folge des Klimawandels und verstärken die Armut.

Wie lässt sich angesichts der klimatischen Tatsachen nachhaltige Arbeit machen?
Wir haben viel investiert in Risikominderung. 2004 mussten wir in Infanta den Tod von rund 100 indigenen Menschen hin­nehmen. Während des weltweit stärksten Sturms, «Yolanda» in 2013, waren es – in unseren Projekten – noch 5. Dabei blieb es glücklicherweise, auch nach dem letzten Sturm «Mangkhut». Natürlich ist da noch der materielle Schaden. Aber die Menschen können sich besser wappnen, wenn wieder Taifune auftreten. Nebst den wirtschaftlichen und ökologischen Problemen im Land sehe ich aber auch die Situation der Frauen als prekär.

Weshalb?
Frauen gelten immer noch als zweitklassig. Sie gehören zu den Ärmsten, weil sie von vielen Formen der Armut betroffen sind: In der Öffentlichkeit haben sie immer noch kaum eine Stimme. Hinzu kommt die weitverbreitete Gewalt gegen Frauen. Wir unterstützen Frauen individuell und national: Früher durften Frauen nicht einmal selber Land besitzen, waren so immer von einem Mann abhängig. Und Vergewaltigung wurde nicht als Verbrechen geahndet. Auch dank Fastenopfer hat sich diese Gesetzgebung geändert. Nun setzten wir uns dafür ein, dass ihre Rechte respektiert werden – und Betroffene ihre Rechte kennen und sich wehren können.

85 Prozent der Bevölkerung auf den Philippinen ist katholisch. Sie arbeiten eng mit kirchlichen Partnerorganisationen zusammen. Inwiefern hilft Ihnen diese Zusammenarbeit?
Zum einen verhindert die Kirche vieles. Die konservative Kirche, die wir seit der Kolonialisierung durch Spanien haben, ist immer noch sehr dominant. Sie ist eine «Kirche der Reichen». Daneben gibt es zum Glück aber eine sozial und politisch engagierte Kirche, die sich solidarisch für die Armen und das Gemeinwohl einsetzt. Sie ist im Wachsen begriffen und stärkt unsere Anliegen. Viele Ungerechtigkeiten lassen sich dabei den Menschen über den Begriff der Würde näherbringen. Wenn eine Frau häusliche oder sexuelle Gewalt erlebt, wird ihre Würde verletzt. Gott hat Mann und Frau als gleichwertige Wesen erschaffen. Und wo Ungerechtigkeit herrscht, gibt es auch keine Würde. Das verstehen viele. 

Was motiviert Sie?
Ich weiss, dass ich nicht alleine bin. Ich bin Teil einer grösseren Gemeinschaft, die einen Traum von freien, gerechten und entwickelten Philippinen hat. Diese kollektive Vision gibt mir Kraft. Und ich liebe mein Land! Es ist wunderschön, 7100 Inseln, die Leute sind unglaublich freundlich.

Was möchten Sie den Menschen in der Schweiz sagen?
Es gibt bei uns ein schönes Sprichwort: «Kein Mensch ist so reich, dass er nichts mehr zu empfangen hätte. Und kein Mensch ist so arm, dass er nichts mehr zu geben hätte.» Solange wir teilen, besteht Hoffnung.

 

Interview: Madlaina Lippuner, Fastenopfer

 

 

 

frauen 50
Gemeinsam verändern wir die Welt – 50 Frauen, die bereits damit begonnen haben

Da die Kampagne 2019 im Zeichen der Frauen steht, war es naheliegend, zum 50-Jahr-Jubiläum 50 Frauen zu porträtieren. Frauen aus der ganzen Welt, alte, junge, unscheinbare, berühmte – von nah und fern. Es sind 50 eindrückliche Geschichten zusammengekommen. 50 kleine Einblicke, die wir ins Leben dieser Frauen erhalten. Einblicke, die neugierig machen, einen nachdenklich stimmen, aber auch Hoffnung bereiten. Die Broschüre mit den 50 Frauenporträts kann digital gelesen oder heruntergeladen werden. 

www.sehen-und-handeln.ch/50-frauen