Aktuelle Nummer 15 | 16 | 2019
21. Juli 2019 bis 17. August 2019

Editorial

Compassion

In den kommenden Wochen werden wir auf verschiedene Weise an die Leidensgeschichte von Jesus erinnert. Sei es als Lesung, als musikalische Gestaltung von Bach bis zu «Jesus Christ Superstar», als Fernsehfilm oder als Passionsspiel – überall werden wir mitgenommen auf den Weg dieses ohnmächtigen Leidens und grausamen Sterbens. Gemäss dem christlichen Glauben identifiziert sich Gott ganz mit Jesus von Nazareth, bis zum tiefsten Punkt, und solidarisiert sich damit mit allen Leidenden, Verfolgten und Sterbenden – auch heute. Die Passion will deshalb zum Mitleiden, zur «Compassion» mit Jesus einladen, und gleichzeitig zur Compassion mit allen, die Not leiden. Sie ist nicht nur Erinnerung, sondern Vergegenwärtigung des Passionsgeschehens. «Compassion» sei ein Schlüsselwort für eine Spiritualität der Nachfolge Jesu, formuliert der Theologe Johann B. Metz. Es gelte, das Unrecht, das Leiden, die Not zu sehen und darin die Passion Jesu zu erkennen, – nicht um zu verzweifeln, sondern um aus der Solidarität Gottes Kraft zu schöpfen. 

Als englischer Slogan ist «Compassion» vor allem durch die Kennedy-Brüder, US-Politiker der 1960er-Jahre, bekannt geworden. Compassion als «engagierte Mitmenschlichkeit» hat ihre politische Vision von einer gerechteren, sozial engagierten Gesellschaft geprägt. Diese Compassion-Idee ist in der Religionspädagogik aufgenommen worden. Junge Menschen sollen den christlichen Glauben nicht nur über Texte und Feiern kennenlernen, sondern auch durch karitatives Engagement. Compassion-Projekte sind vielerorts zu Merkmalen einer lebendigen Gemeindekatechese im Dienste von Kranken, Betagten und Benachteiligten geworden. Und dieser Compassion-Gedanke ist auch ein Kennzeichen der Arbeit von Fastenopfer und Brot für alle. 

Dank ihrer Kampagne werden die Fastenwochen zu einer spirituellen Zeit, in der Ungerechtigkeiten und Not aufgedeckt werden; eine Zeit, in der zu Solidarisierung mit benachteiligten Menschen aufgerufen und für eine mitmenschliche Gesellschaft geworben wird; eine Zeit, die die Passionsgeschichte im Heute sichtbar macht.  

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche (Com-)Passionszeit. 

 

Kuno Schmid