Aktuelle Nummer 07 | 2020
29. März 2020 bis 11. April 2020

Schwerpunkt

Vom Sinn des Fastens

von Stephan Kaisser

Menschen in allen Kulturen fasten. Phasen der Nahrungsaufnahme wechseln mit Phasen des ­Verzichts, sei dieser freiwillig in Zeiten des Überflusses oder erzwungen, weil keine Nahrung ­vorhanden ist. Forscher stellen erstaunt fest, welch starke Effekte Verzicht auf unseren Körper hat. Und wie segensreich er auf den Verlauf von Krankheiten wirkt. Die Religionen betonen, dass durch Fasten auch in der Seele heilsame Prozesse angeregt werden.

Eigene Erfahrungen 
In einer katholischen Familie aufgewachsen, kenne ich das Fasten schon von Kindheit an. Am Freitag gab es nie Fleisch zu den Mahlzeiten. In der Fastenzeit keine Schokolade, und ausserdem wurde Geld in das «­Misereor»-Kässelchen gespart. Der Bastelbogen dafür wurde im Religionsunterricht vom Pfarrer abgegeben und dann zu Hause sorgfältig gefaltet und geklebt, eifrig wurde gespart, denn das Geld sollte später armen Kindern helfen. An einem Sonntag gegen Ende der Fastenzeit wurde das Pappkässelchen mit vielen Münzen darin eingesammelt, und ich weiss noch, wie stolz ich war, weil es so schwer war. (In Deutschland gibt es das Hilfswerk «Misereor», vergleichbar dem Schweizer «Fastenopfer».)

Fasten im Christentum
Das Fasten war im Christentum des 2. Jahrhunderts ein Vollfasten von Karfreitag bis Ostern, es wurde auf jegliche Nahrung, auch auf die Eucharistie, verzichtet, ein Fasten der Trauer wegen dem Leiden und Sterben Jesu. Im 3. Jahrhundert wurde es auf die ganze Karwoche ausgedehnt. Ab dem 4. Jahrhundert wurde es abgemildert und auf vierzig Tage vor Ostern verlängert. Erlaubt ist nach den mittelalterlichen Fastenregeln eine Mahlzeit am Tag, aber ohne Verzehr von Fleisch, Milchprodukten, Alkohol und Eiern. Später gelten gemäss der Apostolischen Konstitution Paenitemini von Papst Paul VI.

über die kirchliche Fasten- und Bussdiziplin (17. Februar 1966) nur noch Aschermittwoch und Karfreitag (darüber hinaus alle Freitage) als strenge Fasttage, an denen es nur eine Sättigungsmahlzeit ohne Fleisch und Genussmittel geben soll. Ausserdem sollen die Gläubigen vermehrt an Gottesdiensten teilnehmen und Werke der Nächstenliebe praktizieren. Das «Fasten­opfer» hat sich in der Schweiz aus dieser Regel entwickelt. 

Eine zweite grundlegende Erfahrung mit dem Fasten machte ich in der Zeit meines Pfarreipraktikums. In meiner Praktikumspfarrei wurde während der Karwoche zum Heilfasten eingeladen. Nach einem Entlastungstag am Palmsonntag, an dem nur Obst und Gemüse gegessen wurde, gab es bis zum Fastenbrechen am Karsamstagmorgen mit einem Apfel nur flüssige Nahrung. Jeden Mittag trafen wir uns zu einer Gemüsebouillon oder einem Obstsaft und am Abend auf eine Austauschrunde bei Kräutertee. Nachdem ich am Entlastungs- und am ersten Fastentag mit Hunger- und Kältegefühlen zu kämpfen hatte, ging es mir danach sehr gut, ich fühlte mich sehr wach und klar und brauchte dazu wenig Schlaf. Ich begleitete zudem eine Karwoche mit Jugendlichen, die viel und zeitintensives Engagement brauchte. Ohne Fasten hätte ich diese kaum so gut bewältigen können. Fasten trägt gemäss meiner eigenen Erfahrung wirklich zu Klarheit und Heilsein bei.

So scheint dieses sogenannte Heilfasten wirklich im Sinne Jesu zu sein, der selber in der Wüste fastete, um Klarheit und Energie für sein öffentliches Wirken zu finden (Mt 4,2), aber ansonsten nicht den Ruf eines Asketen hatte: «Warum fasten deine Jünger nicht?», fragen ihn die Jünger des Johannes  (Mt 9,14). An anderer Stelle wird deutlich, dass er als «ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder» bezeichnet wird (Mt 11,19).

Fasten im Judentum
Damit steht Jesus in der jüdisch-prophetischen Tradition, die Fasten als ein Dienst am Menschen und der Selbstwerdung sieht.  «Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt: wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt? Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen.» (Jes 58,6–8). Zur Schau getragenes Asketentum wird abgelehnt.

Auch im heutigen Judentum gibt es nur zwei grosse Fastentage. Im Zusammenhang mit Yom Kippur, dem grossen Versöhnungstag mit Gott und den Mitmenschen, wird ein Tag und eine Nacht enthaltsam gelebt (Essen, Trinken, Sexualität, Auto, Luxus), ebenso am 9. Tag des Monats Av, an dem der Zerstörung des Jerusalemer Tempels gedacht wird. Doch wie für alle Gebote gilt, dass es der Seele guttun soll: «Jedoch nimm dich in Acht, achte gut auf dich.» (Dtn 4,9.40).

Fasten Im Buddhismus und ­Hinduismus
Auch im Buddhismus wird nach dem Vorbild des Buddha (=Erweckten) gefastet, aber nicht übertrieben, denn Buddha hat den «mittleren Weg» (ohne Extreme) vorgelebt. Das Fasten soll der Erleuchtung dienen und nicht schaden. So fasten die Mönche in den meisten Klöstern ab Mittag, bis dahin dürfen sie essen, was sie am Vormittag erbettelt haben. Danach dürfen sie bis zum nächsten Morgen nur Flüssiges zu sich nehmen. Auch in Vorbereitung auf das Fest der Geburt, Erleuchtung und Tod Buddhas wird in vielen buddhistischen Traditionen gefastet.

Im Hinduismus soll der Einzelne dem spirituellen Weg ohne weltliche Ablenkung folgen. Deswegen kann Fasten das richtige Mittel sein, eine Verbindung von Einzelseele (Atman) mit der Weltseele (Brahman) zu schaffen, indem es eine harmonische Beziehung zwischen Körper und Seele etabliert. Gläubige fasten zu Ehren der Götter und Göttinnen, insbesondere zu Ehren Shivas (der für Zerstörung, aber auch für Neubeginn sorgt), und manche Shiva-Anhänger fristen als Wanderasketen ein extrem asketisches Dasein ohne Besitz und Heim.

Eine Säule des Islam
Am bekanntesten ist das Fasten im Islam. Muslime in aller Welt fasten im Monat ­Ramadan. Er erinnert an die Zeit, als der Koran (Gottes Worte) durch den Erzengel ­Gabriel dem Propheten Mohammed offenbart ­wurde. Den Tag über verzichten Muslime auf Essen, Trinken, Rauchen und Sexualität – erst bei Sonnenuntergang darf das Fasten unterbrochen werden. Der Ramadan betrifft rund 1,6 Milliarden gläubige Muslime weltweit, er beginnt dieses Jahr am 23. April. Auch die meisten Muslime in der Schweiz befolgen diese Säule des Islam. Auch wenn sie sonst ihre Religion wenig praktizieren, halten das Fasten sehr viele, ist es doch ein sehr verbindender sozialer Anlass. Das abendliche Fastenbrechen im Kreis der Familie und Freunden ist für viele die schönste und tiefste Gemeinschafts- und Identitätserfahrung im Rahmen der Reli­gion. Das Fasten lehrt den Menschen, gütig zu sein, das Leid der Hilfsbedürftigen besser zu empfinden. So sollen Gläubige im Ramadan besonders barmherzig handeln. Das Hauptziel ist, die Seele zu reinigen und die Beziehung zu Gott zu stärken. «Ihr, die ihr glaubt, euch ist das Fasten vorgeschrieben, wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren, damit ihr vielleicht gottesfürchtig werdet.» (Sure 2:183).  

In allen grossen Weltreligionen findet sich das Fasten, es soll den Menschen helfen, an Leib und Seele zu gesunden. Die Menschen sollen sich selbst, dem Nächsten und Gott näherkommen. Dies wünsche ich auch ­Ihnen in dieser Fastenzeit.  

Stephan Kaisser ist Lehrer an der Kantonsschule Solothurn und Mitglied der Redaktionskommission.