Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Österliche Hoffnung

Die 14 Stationen des Meditationsweges Einsiedelei:

1. Letztes Abendmahl

2. Am Oelberg

3. Vor Pilatus

4. Dornenkrönung

5. Das Kreuz auf sich nehmen

6. Hinfallen unter dem Kreuz

7. Simons Hilfe

8. Begegnung mit weinenden Frauen

9. Veronika mit dem Schweisstuch

10. Der Kleider beraubt werden

11. Maria und Johannes beim Kreuz

12. Sterben am Kreuz

13. Das leere Grab

14. Auferstehung

von Stephan Kaisser

Bei Solothurn gibt es einen besonderen Kreuzweg durch die Verenaschlucht. Wie ist dieser entstanden und worin unterscheidet er sich vom traditionellen Kreuzweg mit 14 Stationen? Anhand dreier Stationen soll der Meditationsweg als österlicher Hoffnungsweg gedeutet werden.

Der Kreuzweg in Jerusalem
Der ursprüngliche und tatsächliche Kreuzweg, auf dem Jesus den Querbalken des Kreuzes selber zu seiner Hinrichtung schleppen musste, befand sich in Jerusalem. Er führte vom Amtssitz des Pontius Pilatus, der Burg Antonia, nach Golgotha, der Kreuzigungsstelle. Dass die heutige Jerusalemer Via dolorosa (=Weg der Schmerzen) diesem Weg entspricht, ist unwahrscheinlich, denn der Strassenverlauf geht auf den von den Römern vorgenommenen Wiederaufbau Jerusalems im Jahr 135 zurück. Nur die letzten Stationen mit dem Ort der Kreuzigung und dem Grab Jesu entsprechen wahrscheinlich dem tatsächlichen Ort der Geschehnisse.
Die heutige Via dolorosa führt über 14 Stationen von den Überresten der Burg Antonia zum Grab Jesu. Diese Andachtsform des Kreuzwegs wurde in Europa entwickelt, und erst danach wurden die Kreuzwegstationen in Jerusalem durch die Franziskaner als Andachtsstationen errichtet.
Im ausgehenden Mittelalter und auch in der beginnenden Neuzeit war es nur wenigen Christen möglich, eine Pilgerfahrt ins Heilige Land zu unternehmen und dort Jesus besonders verbunden zu sein. Während des Dreissigjährigen Krieges (1618 – 1648) wurde es nahezu unmöglich, in fremde Länder zu reisen. Wenige Jahre vorher schafften es die Solothurner Johann von Roll, Johann Wilhelm von Steinbrugg, Hans Jacob Byss und Urs Byss und besuchten die heiligen Stätten.  

Kreuzweg in Solothurn
Ihre Erlebnisberichte beeindruckten die Solothurner sehr. Deshalb wurde 1613 durch Chorherr Heinrich Huber und Stadtschreiber Victor Haffner veranlasst, einen Kreuzweg von der Kirche St. Niklaus bis zum Ort der heutigen Kreuzenkirche anzulegen. Die Kreuzenkirche selbst liess Johann von Roll 1643 als Heilig-Grab-Kirche erbauen. Unter dem Eindruck der verheerenden Pestseuche war das Bedürfnis, auf einem Kreuzweg Busse zu tun, besonders gross. So fanden sich auch Solothurner Bürgerfamilien, die die Kreuzwegstationen stifteten. Am Ende des Kreuzwegs wurden acht Kreuze errichtet, so kam es zur Bezeichnung Kreuzen für diesen Ort.
Nachdem sich unter dem Einfluss der Franziskaner an vielen Orten Europas eine Andachtsübung mit 14 Kreuzwegstationen entwickelt hatte, gewährte Papst Innozenz XI. 1686 dafür einen Ablass. Das Absolvieren einer Kreuzwegandacht erhielt denselben Wert wie eine Wallfahrt ins Heilige Land. Dadurch gewann auch der Solothurner Kreuzweg an zusätzlicher Bedeutung und war bis Mitte des 18. Jahrhunderts gut frequentiert und unterhalten. Dies änderte sich mit der zunehmenden Säkularisierung. Das religiöse Brauchtum wurde immer weniger gepflegt, der Kreuzweg kaum mehr begangen und er zerfiel nach und nach.

Der Meditationsweg in der Einsiedelei
Im Jahr 1993 wurde die Gesellschaft der Einsiedelei St. Verena neu gegründet (sie hatte schon einmal von 1810 – 1813 bestanden). Eines ihrer ersten Projekte war die Restaurierung des Kreuzwegs. Wie schon im 17. Jahrhundert fanden sich wiederum Solothurner Familien als Stifter der einzelnen Stationen. Weil nur noch zwei Stationen intakt waren, wurde eine Neugestaltung als Meditationsweg beschlossen, der nicht aus den klassischen 14 Kreuzwegstationen (siehe KGB 408 und 409) besteht. So heisst die erste Station «Das letzte Abendmahl», gefolgt von der Station «Am Ölberg» und der «Dornenkrönung». Das dreimalige Fallen unter dem Kreuz wird zu einer Station «Hinfallen unter dem Kreuz» und die Station «Jesus wird ans Kreuz genagelt» wird zu «Maria und Johannes beim Kreuz». Die «Kreuzabnahme Jesu» und die «Grablegung» kommen nicht mehr vor, dafür eine Station «das leere Grab» und als Schluss- und Höhepunkt die «Auferstehung». Der neue Meditationsweg setzt so einen neuen Akzent gegenüber dem klassischen Leidens- und Schmerzensweg. Das Thema «Hoffnung» macht ihn zu einem österlichen Weg. Das war vor allem möglich durch die Kunstschaffenden, welche die Stationen neu gestalteten. Der Rüttener Bildhauer Til Frentzel restaurierte die drei baufälligen historischen Kreuze und ergänzte die fehlenden Stationen mit neuen Stelen. Die im Dezember 2018 verstorbene Zuger Malerin Maria Hafner setzte farbenfrohe, aussagekräftige Bilder in die Mitte der jeweiligen Kreuze. Diese neuen Kreuze verweisen durch ihre Formgebung weniger auf Folter und Karfreitag, sondern vielmehr auf das licht- und hoffnungsvolle Osterereignis. 

Ein Hoffnungsweg
Der Meditationsweg beginnt nicht wie üblich mit der Verurteilung Jesu, sondern zeitlich davor mit dem letzten Abendmahl, dem Pessachmahl, bei dem Jesus vor seiner Passion seinen Jüngern nach jüdischem Brauch das Brot brach und den Wein austeilte. In diesem Mahl sieht die Kirche den Ursprung der Eucharistiefeier. Sie hat für die heutigen Christen eine zweifache Dimension: zum einen die Gemeinschaft der Mahlhaltenden untereinander und zum anderen die Gemeinschaft der Glaubenden mit Jesus. Das Pessachmahl ist ein Ritual, das die Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft lebendig hält, mit Gott kann Knechtschaft und Tod überwunden werden. So beginnt der Meditationsweg mit einer hoffnungsvollen Deutung der Passion Jesu und setzt den ganzen weiteren Weg unter dieses Vorzeichen.

Auch «Maria und Johannes beim Kreuz» drückt aus, dass Jesus im Leid nicht auf sich selber fixiert bleibt, sondern Gemeinschaft stiftet zwischen den Trauernden und ihnen so Zukunft ermöglicht.

Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter 

und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.
Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter:
Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! 
Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Joh 19,25 – 27

Endgültig Ostern wird mit der 14. Station, das drückt auch die Kreuzform «das Licht» aus: Als Deutung der Text von Silja Walter aus dem Oratorium «Solothurner Kreuzweg».

Bischof Kurt Koch weihte den Meditationsweg am Palmsonntag des Jahres 2000 ein. Vielleicht regt dieser Artikel Sie dazu an, ihn in der Karwoche meditierend zu begehen oder Ihren Osterspaziergang ihm
entlang zu machen. Es wird zu Ihrer Osterfreude beitragen. 
 

 

Quelle: Armin Schneider: Meditationsweg Einsiedelei, Solothurn 2000, herausgegeben von der Gesellschaft der Einsiedelei St. Verena.

 

SAM 6186

 «Letztes Abendmahl». Til Frentzel, Bildhauer; Maria Hafner, Kunstmalerin.