Aktuelle Nummer 11 | 2019
26. Mai 2019 bis 08. Juni 2019

Editorial

Kompetenz

Heute ist oft von Kompetenz die Rede. Das Wort kommt vom Lateinischen «competentia» und meint «Zusammentreffen». Deshalb versteht man unter einer Kompetenz das Zusammentreffen, das Verknüpfen von Wissen,  Können und Motivation, um eine konkrete Anforderungssituation bewältigen zu können. Es gibt grundlegende Kompetenzen, die nötig sind, um das Leben und Zusammenleben verantwortungsvoll gestalten zu können; und es gibt spezifische Kompetenzen, die man braucht, um fachlichen Anforderungen zu genügen. 

Kompetenz wird aber auch anders verwendet, dann wenn es um die Frage geht, wem die Kompetenz für eine Entscheidung oder Handlung zusteht. Es geht um Zuständigkeit und Vollmacht von Personen und Institutionen. Kompetent ist hier, wer dazu beauftragt und legitimiert ist. Im Idealfall treffen beide Formen von Kompetenz bei Gremien, Fachleuten und Leitungspersonen zusammen: Kompetente Menschen handeln verantwortungsvoll im Rahmen ihrer Kompetenz. Das trifft erfreulicherweise oft zu. Doch viele kennen wohl auch Vorgesetzte, bei denen die erforderlichen Kompetenzen vermisst werden, oder es gibt kompetente Leute, die nicht ernst genommen werden, weil sie nicht mit der zuständigen Kompetenz ausgestattet sind. 

In der Kirche erhalten Kompetenzen zusätzlich eine religiöse Dimension. Paulus nennt sie Gnadengaben des Heiligen Geistes und als Gefirmte soll jede und jeder seine Kompetenzen in die Gemeinschaft einbringen. Die Übertragung von Kompetenz im Sinne von Zuständigkeit und Vollmacht erfolgt durch Handauflegung und macht die sakramentale Sendung durch Christus deutlich. Kompetente Menschen werden für den kirchlichen Dienst beauftragt und gesendet. Doch es sind nur noch wenige unter all den kompetenten Menschen, die sich senden lassen. Vielleicht liegt es an der Vielfalt von Kompetenzen, die gefordert sind? Vielleicht wurde mancherorts das Auserwähltsein überhöht? Vielleicht liegt es am Bild einer monarchischen Kirche, geleitet von zölibatär lebenden Männern? Vielleicht liegt es an den Ausbildungsvorstellungen in Priesterseminaren? Für die Zukunft kirchlicher Berufe wird es jedenfalls nötig sein, Kompetenzen in den verschiedenen Dimen­sionen neu zu buchstabieren. 

Ich wünsche Ihnen viel Freude an eigenen Kompetenzen und den Mut, diese in die Gemeinschaft einzubringen.

Kuno Schmid