Aktuelle Nummer 17 | 2019
18. August 2019 bis 31. August 2019

Jugend

Sündenbock

von Diana Cultrera

«Die Ausstellung untersucht kollektive Gewalt von Gruppen gegen Einzelne von der Vorzeit bis in die Gegenwart. Dabei kommen urzeitliche Menschenopferungen, Lynchmorde auf dem Scheiterhaufen oder auch die Gewalt unserer Zeit zu Sprache.» So stellt das Zürcher Landesmuseum die Ausstellung «Sündenbock» vor, die bis zum 30. Juni 2019 dauert. 

Elf Stationen führen durch die Geschichte und erschliessen das Phänomen des Sündenbocks chronologisch. Immer wieder haben Gruppen ihre Aggressionen gegen eine einzelne Person kanalisiert, um ihre Reihen zu schliessen, um Versöhnung zu schaffen. Bereits die Kelten haben Menschen als Ritual für den Zusammenhalt geopfert. Die Israeliten haben die Schuld des Volkes stellvertretend auf einen Ziegenbock geladen und ihn in die Wüste getrieben. Für die Christen ist der gekreuzigte Jesus zum Sündenbock geworden, der die Schuld der Welt stellvertretend auf sich geladen hat. Doch Gott identifiziert sich mit dem Opfer und das Christentum versucht seither, die Perspektive zu wechseln und aus der Position des Sündenbocks zu denken: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.» 

Heute funktioniert der Sündenbock-Mechanismus meist ohne Blutvergiessen. Steinigungen erfolgen in Form von Shitstorms. Verschiedene Geschichten zeigen, wie Menschen aufgrund irgendeines Merkmals wie Nationalität, Hautfarbe, Religion oder ethnische Zugehörigkeit den Hass auf sich gezogen haben und zu Sündenböcken wurden. In vielen Fällen spielen die (sozialen) Medien eine Rolle: Ein Flugbegleiter wird als Verursacher für die Ausbreitung von AIDS beschuldigt. Eine Frau wird von einer Jugendgang gemobbt, eine Bundesrätin wird aus dem Amt gedrängt. Die Fälle liegen je auf anderen Ebenen, aber bei allen werden Sündenbockmechanismen sichtbar. 

Die Schicksale haben mich erschüttert. Warum wird heute oft nicht die «Perspektive des Sündenbocks» eingenommen, wie es für Christinnen und Christen geboten wäre? Was lässt sich tun? Die Ausstellung hat mich nachdenklich gemacht und noch lange beschäftigt.