Aktuelle Nummer 24 | 2019
24. November 2019 bis 07. Dezember 2019

Schwerpunkt

Facts oder Fakes

von Kuno Schmid

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass die Versprechungen der Werbung nicht immer mit der Qualität der Produkte übereinstimmen. Auch die politische Propaganda nimmt es meist nicht so genau mit der Wahrheit. Doch muss deshalb der Anspruch auf Wahrheit aufgegeben werden? Sollen Lügen als «alternative Fakten» jetzt dasselbe sein wie die Wahrheit?

Pinocchio und die Lüge
Den Kindern wurde der Sachverhalt noch ganz einfach erklärt. Wer nicht die Wahrheit sagt, der lügt. Die Geschichte von Pinocchio veranschaulicht es eindrücklich. Mit jeder geäusserten Unwahrheit wächst seine Nase, bis er sich kaum noch bewegen kann. Wo es hinführt, wenn man sich in Unwahrheiten verstrickt, wird anschaulich erzählt. Doch die Erzählung vereinfacht. Was nicht wahr ist, muss nicht gleich eine Lüge sein. Das Gegenteil von Wahrheit kann sich auch einfach als Irrtum erweisen. Und selbst Lügen können unterschiedliche Bedeutungen haben. Eine scherzhafte Lüge am 1. April wird anders gewichtet als eine Falschaussage vor Gericht. Oft erleichtert es das Zusammenleben, wenn man sich nicht gleich die Fakten um die Ohren schlägt und auch mal über etwas hinwegsehen kann. Die Grenzen zwischen Höflichkeit und Verlogenheit sind fliessend, sie entsprechen aber den Anforderungen von Anstand und Sitte. Moralisch kann es durchaus geboten sein zu lügen, um Schaden von anderen abzuwenden oder um eine Freundschaft nicht zu verraten. Um sich selbst nicht zu gefährden, ist manchmal eine Notlüge durchaus angemessen. Die Kinder müssen über die Pinocchio-Erzählung hinaus noch viele Differenzierungen im Umgang mit Wahrheit und Lüge lernen, bis ihnen klar ist: Verwerflich ist die absichtliche Lüge, um sich einen Vorteil zu verschaffen und andere dadurch zu schädigen.

Perspektiven wechseln
Für die Kinder ist das Spiel mit Wahrheit, mit Täuschung und Verstecken ein wichtiges Lernfeld. Zuerst glauben sie, dass sie nicht gesehen werden, wenn sie sich die Hände vor die Augen halten. Erst allmählich merken sie, dass die Spielgefährtin sie mit ihren anderen Augen sieht. Jetzt wird das Verstecken erst neu interessant und die Kinder lernen, sich so zu verhalten, dass man die Spielkameraden täuschen kann, um nicht zu schnell erkannt zu werden. Dass man die Welt und die anderen Menschen immer aus einer bestimmten Perspektive wahrnimmt, ist eine grundlegende Erkenntnis dieser kindlichen Entwicklung. Später kommt hinzu, dass hinter den verschiedenen Perspektiven auch unterschiedliche Interessen stecken. Zudem muss man unterscheiden lernen, ob ein Problem beispielsweise aus fachlicher, aus ästhetischer oder aus religiöser Perspektive betrachtet wird. Das heisst aber nicht, dass die Wahrheit nur eine Frage der Perspektive ist. Vielmehr tragen die unterschiedlichen Perspektiven dazu bei, die ganze Wahrheit in ihrer Vielschichtigkeit zu erkennen. Denn wahr ist, was der Wirklichkeit entspricht, und diese Wirklichkeit ist durchaus komplex. 

Fake News
Das komplexe Ringen um Wahrheit ist jedoch vielen zu mühsam. Man hat seine Meinung und nimmt nur noch Informationen wahr, die dem eigenen Bild der Wirklichkeit entsprechen. Die grossen Social-Media-Firmen machen sich dies zum Geschäftsmodell. Ihre Algorithmen filtern Informationen und Werbungen heraus, die dem bisherigen Interesse und Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer entsprechen. So erhalten sie News, die ihren Erwartungen nahekommen und ersparen sich die mühsame Auseinandersetzung mit der Vielfalt an Meinungen und Angeboten. Auch populistische und fundamentalistische Strömungen machen sich diesen Mechanismus zunutze. Ihre Botschaften sind klar und eindeutig, sie verachten differenzierte Auseinandersetzungen und setzen ihre Positionen als Wahrheiten. Über das Internet werden sie von Anhängern durch Klicks bestätigt und in Windeseile weltweit tausendfach verbreitet. Ob solche News richtig oder falsch sind, wird kaum gefragt. Wenn sie dem eigenen Bild der Wirklichkeit entsprechen und zudem von so vielen «gelikt» wurden, werden sie als wahr angenommen. Die Frage nach der Wahrheit ist auf neue Weise zu einer Frage der Macht geworden. Nicht mehr wie früher, als emanzipatorisch der Wahrheitsanspruch der Obrigkeit infrage gestellt wurde, sondern als neue Möglichkeit, Macht gezielt mit Fake News aufzubauen und über «Twitter» auszuüben.

Herrschaftliche Fälschungen 
Dass Fakes gebraucht werden, um Stellung und Macht auszubauen, ist jedoch keine Erfindung der Gegenwart. Ganze Herrschaften von weltlichen und kirchlichen Fürsten beruhten auf gefälschten Dokumenten. Berühmte Fälschungen sind die sogenannte «Konstantinische Schenkung», die als Grundlage für die Vormacht des Papsttums diente, oder das «Privilegium Maius», auf das die Habsburger ihre jahrhundertelange Herrschaft stützten. Die Schreibstuben der Klöster galten oft als eigentliche Fälscherwerkstätten. Manche überlieferten Legenden wurden später als Fake News entlarvt und in der Reformation als «Lügenden» kritisiert. Es war aber nicht die Absicht der Mönche, Lügen zu verbreiten. Vielmehr galt es, eine religiöse Wahrheit deutlich zu machen, die nicht in einem faktischen, sondern in einem übertragenen Sinn deutlich wurde. Der Buchdruck ermöglichte in der Neuzeit neue Möglichkeiten der Auseinandersetzungen um die Wahrheit. Es war nicht mehr so einfach wie in den klösterlichen Schreibstuben, Fälschungen herzustellen. Aber die Dynamik, mit Polemik und Fake News die je Andersgläubigen zu verunglimpfen, erhielt ungeahnte neue Möglichkeiten. Nicht zuletzt ging es in der Reformation und in den kriegerischen Wirren jener Zeit immer um die Frage, wer in der Wahrheit steht. Per Definition kann es nicht mehrere Wahrheiten geben. Erst nach der Erschöpfung am Ende des Dreissigjährigen Kriegs setzte sich die Einsicht durch, dass man erdulden, tolerieren müsse, dass verschiedene Religionsgemeinschaften je diese Wahrheit beanspruchen.

Wahrheit und Glauben
Bei diesem Streit um die Wahrheit geht es aber nicht darum, ob religiöse Aussagen mit der überprüfbaren Wirklichkeit übereinstimmen. Eine religiöse Wahrheit lässt sich nicht auf diese Weise empirisch überprüfen. Sie gründet vielmehr in der Überzeugung, dass Gott selbst die Wahrheit ist. Er offenbart sich als Wahrheit im Menschen Jesus von Nazareth. Dieses wahre Menschsein zeigt sich in der Solidarität und Verlässlichkeit der Botschaft Jesu. Tastend, fragend und suchend, mit Zweifeln und Vertrauen, mit Hingabe und Distanzierung nutzt der Mensch seine Freiheit, um sich mit dieser Form von Wahrheit und Zusage auseinanderzusetzen. Gläubige Wahrheit ist deshalb primär ein Beziehungsgeschehen − eine Beziehung zu Gott, die sich in den Beziehungen zu den Mitmenschen und zu der ganzen Schöpfung zeigt. In Anlehnung an seine Vorgänger hat es Papst Franziskus in einem Interview so formuliert: «Sie fragen mich auch, ob es ein Irrtum oder eine Sünde sei zu glauben, dass es keine absolute Wahrheit gebe. Ich würde zunächst auch für einen Glaubenden nicht von ‹absoluter› Wahrheit sprechen – für den Christen ist die Wahrheit die Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus, also eine Beziehung!»1 Glaubenswahrheiten wollen wie die Legenden nicht auf Fakten festgelegt werden, sondern haben ihre Gültigkeit in diesem übertragenen Sinn. In jeder Zeit und in jedem Lebensabschnitt müssen diese Glaubenswahrheiten neu erschlossen, neu verhandelt und neu formuliert werden. In jeder Epoche und in jeder Kultur müssen sie sich als relevant für die Wirklichkeit erweisen. Dabei dürfen Christen und Kirchen auch eingestehen, dass manche früher formulierten Lehrsätze aus heutiger Sicht missverständlich, irreführend oder falsch sind. Die Wahrheit bleibt nur, wenn sie in der Dynamik von Weg und Leben bleibt. Oder wie es Jesus sagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Joh 14,6  

 

1 Papst Franziskus: «Offener Dialog mit den Nichtgläubigen» La Repubblica, 12. September 2013

 

Stapferhaus Lenzburg

«FAKE. DIE GANZE WAHRHEIT»

Für die aktuelle Ausstellung verwandelt sich das Stapferhaus in das «Amt für die ganze Wahrheit» und will den Lügen auf den Zahn und der Wahrheit den Puls fühlen.

Ausstellung: bis 24. November 2019, jeweils Dienstag – Sonntag, 9 – 17 Uhr.

«Fake News, Fake-Profile und Fake-Produkte. Konzerne, die schummeln. Sportler, die dopen. Politiker, die nicht die Wahrheit sagen — so viel Fake wie heute war noch nie. Und wir sind mittendrin. Und fragen uns: Was ist echt, was ist wahr und was gelogen? Wem können wir, wem sollten wir vertrauen?»

 

www.stapferhaus.ch