Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Faszination Gold

von Kuno Schmid

Gold fasziniert die Menschen seit eh. Sein Glanz und seine besonderen Eigenschaften machen das Edelmetall zu einem Symbol für Reichtum und Macht, für Beständigkeit und Ewigkeit. Kirche und Christentum haben ein widersprüchliches Verhältnis zu dem glänzenden Metall. Gold verweist zwar auf die Herrlichkeit Gottes und wird hoch geschätzt. Nur goldene Geräte sind würdig und erlaubt für den Gottesdienst. Gold kann aber auch für einseitiges Erfolgsstreben und rücksichtslose Bereicherung stehen, die oft Ursachen für Ungerechtigkeit und Armut sind, und damit der Botschaft des Evangeliums entgegenstehen.  

Gold für Sport, Schmuck und Technik
Bei Gold denken viele zuerst an Sieger­medaillen im Sport. Um sie wird in Spiel, Wettkampf und Turnier gerungen. Andere verbinden Gold eher mit Schmuck. Goldene oder vergoldete Arm- und Halsketten werden von Frauen und Männern getragen und sind beliebt. Schon Kinder haben oft ein goldenes Sujet im Ohr. Sich einen goldenen Ring zu schenken, ist Ausdruck für Liebe und Treue und gehört für die meisten Paare zu einer Trauung, ob mit oder ohne Kirche. Auch wenn der Anlagewert von Gold schwankend ist, so bleibt der Rohstoff doch ein Hort der Sicherheit auf den Finanzmärkten. 

Gold ist ein sehr schweres Metall. Eine Goldkugel von einem Kilogramm Gewicht hat lediglich einen Durchmesser von etwas mehr als vier Zentimetern. Erstaunlich ist, dass sich ein Gramm Gold zu einem halben Quadratmeter Blattgold verarbeiten lässt. Blattgold wird in verschiedenen Bereichen des Kunsthandwerks zum Vergolden gebraucht. Gold wird aber auch in der Medizin und in der Technik verwendet. Für Computer und Handys werden extrem dünne Drähte benötigt, um Mikrochips zu verbinden. Dafür werden feinste Golddrähte hergestellt. Aus einem Gramm Gold können drei Kilometer lange Drähte gezogen werden.

Gold mit vielfältiger Bedeutung
Dank seiner Eigenschaften und seiner Beständigkeit galt Gold schon immer als etwas Wertvolles. Bereits urgeschichtliche Kulturen fertigten Gegenstände aus Gold an. Die älteste Goldschale, die in der Schweiz bei Altstetten ZH gefunden wurde, stammte aus der Zeit um 1000 vor Christus. Die kostbaren und oft kunstvoll verzierten Gegenstände wurden nur bei besonderen Anlässen benutzt: bei einem Fest, bei religiösen Feiern, als Geschenk für Herrscher oder Gottheiten. 

Das seltene Edelmetall widersteht jeder Witterung, rostet nicht und gilt selbst im Feuer als unzerstörbar. Deshalb ist es während langer Zeit das wertvollste Zahlungsmittel geblieben, ein Synonym für Reichtum überhaupt. Wird Gold angeleuchtet, vermag es das Licht in eigenem Glanz zu reflektieren. Kein anderes Material verstärkt die Einstrahlung von Licht so wie Gold. Es wird deshalb auch als «Sonnenmetall» bezeichnet und erinnert an die Kraft und das Leuchten der Sonne. Die Kronen von Königen und Königinnen sind wie Bilder für diese Strahlkraft und gelten als Zeichen von Macht und Ansehen. Auch viele Gegenstände und Bilder, die vom ewigen Leuchten Gottes erzählen, werden deshalb aus Gold hergestellt oder mit Gold verziert. Selbst heilige Menschen lassen sich am goldenen Heiligenschein, dem Nimbus, erkennen. 

Alles zur Ehre Gottes
In den Kirchen erhielt das Gold im Barockzeitalter eine eigentliche Hochkonjunktur. Ab 1650 wurden zahlreiche Kirchen neu gebaut oder zumindest «im neuen Stil» umgebaut. Eine Brandkatastrophe, wie die kürzliche Zerstörung der Notre Dame in Paris, wäre damals wohl von manchen als Chance gesehen worden, um an Stelle eines alten, mittelalterlichen Baus eine moderne, barocke Kathedrale neu erstrahlen zu lassen. Im Solothurnischen entstanden beispielsweise die barocke Jesuitenkirche oder die Wallfahrtskirche Oberdorf. Viele Dorfkirchen erhielten barocke Altäre. Schlussendlich wurde gar das gotische Münster in der Stadt abgetragen und durch die heutige St. Ursen-

Kirche ersetzt. Nur das Schönste und Beste sollte zur Ehre Gottes in den Kirchen gezeigt werden. In der Prachtentfaltung wollte man gegenüber den Patriziern und Adeligen nicht zurückstehen. Dabei kam auch reichlich Blattgold zum Einsatz, um Holz­tafeln und Steinwerk zu verzieren. Der Goldschmuck galt als Abglanz des Himmlischen und machte den Sakralraum zu einem erhebenden Festsaal. Im Unterschied zu den Repräsentations- und Ballsälen der Reichen war die Kirche jedoch ein Festsaal für alle. Auch die einfachen Menschen durften ihn betreten und erhielten eine Ahnung vom Glanz des verheissenen himmlischen Jerusalems. 

Sakrale Gewänder in Balsthal
Auf diesen Kontrast zwischen den schlichten, farblosen Kleidern der einfachen Leute und der kirchlichen Pracht macht auch Reto Hafner aufmerksam, wenn er die reich verzierten Kleider der Priester aus früheren Zeiten zeigt. Der ehemalige Sakristan und Kirchenrat ist verantwortlich für den Kirchenschatz der Marienkirche Balsthal. Neben goldenen Kelchen und Geräten sind es besonders die Textilien, welche die Sammlung bedeutsam machen. Was andernorts im Zuge der liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts entsorgt wurde, haben hier bereits seine Vorgänger aufbewahrt und der Nachwelt erhalten. Die Sammlung der liturgischen Gewänder geht bis ins 18. Jahrhundert zurück und wird nach liturgischen Farben geordnet und fachgerecht aufbewahrt. Gold ist zwar keine liturgische Farbe, dominiert aber trotzdem, denn der goldene Glanz ist ein Merkmal fast aller Gewänder. Mit der Integration von Goldfäden in die Samt- oder Damaststoffe erhalten die zahlreichen grünen oder violetten Blumenmuster erst ihre Strahlkraft. Manche Gewänder sind aus mehreren Stoffteilen zusammengesetzt. Dies deutet darauf hin, dass es ursprünglich Kleider reicher Leute waren, die der Kirche gestiftet und zu einem Messgewand umgearbeitet worden sind. Vollständig goldene Gewänder gibt es auch. Sie können als Variante zu Weiss an den Festtagen getragen werden. Sie sind jedoch sehr schwer und konnten nur von entsprechend athletischen Priestern getragen werden. 

Gold und Menschenrechte
Doch der goldene Glanz ist für die Kirche heute eher zu einem Problem geworden. Zum einen kostet der Unterhalt der prächtigen Ausstattungen grosse Summen, die den materiellen Wert der vergoldeten Dekorationen um ein Vielfaches übersteigen. Der scheinbare Reichtum wird zu einer Bürde. Nur wenn genügend Steuerzahlende dabeibleiben, kann dieses Kulturerbe erhalten werden. Zum anderen kratzt die Pracht am Image der Kirche als Anwältin der Armen und Benachteiligten. Der Glanz zur Ehre Gottes ist für manche nur glaubwürdig, wenn der pastorale und diakonische Auftrag der Kirche dadurch nicht geschmälert wird. Zusätzlich kommen noch Umwelt- und Menschenrechte ins Spiel: Viel Gold ist aus Kolonialgebieten geraubt worden und wird auch heute noch ohne Rücksicht auf die Bevölkerung und die Umwelt in Ländern des Südens kommerziell abgebaut. Mit der Kampagne «Wo Gold seinen Glanz verliert» haben Fastenopfer und Brot für alle vor einigen Jahren auf diese Problematik aufmerksam gemacht und in der Konsequenz die Konzernverantwortungs­initiative mit lanciert. Wie bei Kleidern oder Nahrungsmitteln muss also gefragt werden: Woher kommt das Gold, das die Kirchen schmückt und in unseren Smartphones tickt? Damit die Freude und Faszination über das ganze Gold ungetrübt bleiben kann, braucht es auch ein Engagement für weltweite Gerechtigkeit und den Erhalt der Schöpfung.  

 

Eine Besichtigung des Kirchenschatzes Balsthal ist nach Vereinbarung möglich.
Kontakt: Reto Hafner oder Pfarramt Balsthal sekretariat@kath-pfarrei-balsthal.ch